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Was ist das für ein Radl?

Was ist das für ein Radl?

 

“Was ist das für ein Radl?” – bin ich heuer des Öfteren gefragt worden. Weil sich die Neugierde meist nicht auf jene beschränkt, die die Frage stellen, hier die Antwort für alle.

 

Simplon und die Gravity-Sache

“Simplon”, antwortete ich, was die fragenden Blicke nicht entschärfte. Die Augen der Fragesteller musterten weiter das komplett schwarze Gerät. “Hab’ gar nicht gewusst, dass Simplon so etwas macht.” Mit “so etwas” war ein Enduro-Bike gemeint. Potent ausschauend noch dazu. Denn auch wenn es im “all black” Look unglaublich unauffällig daher kam zwischen den ganzen Santas, Canyons und Giants, musste es sich dennoch nie verstecken.

Wer Simplon kennt, der versteht auch die Verwunderung meiner Gesprächspartner. Simplon ist bekannt für hochantriebseffiziente Zweiräder. Carbon-Verarbeitung auf NASA-Niveau. Aus diesem Know-How entstand das ultraleichte Pavo Rennrad, eine Legende wie das Mythos oder ein Marathon-Rennhobel wie das Razorblade, auf dem Christoph Soukup zum Sieg der UCI Marathon World Series ritt. Kurz: wer seine Wadl-Watt möglichst in Vortrieb verwanden will, der greift zu einem Simplon. In die Gravity Szene tappte die Vorarlberger Marke dafür nie. (Fun Fact: obwohl man in den 00er sogar ein Bike namens “Gravity” hatte – allerdings ein Hardtail).

Ergo gab’s auch für die Burschen und Mädels aus dem abfahrtsorientierten Sektor keine Anknüpfungspunkte. Und das ist bis heute weitgehend so, wie man an den Reaktionen zu meinem Rapcon 160 merkte. Bevor ich mich jetzt darin ergehe, dass Simplon in diesem Bereich nicht zu unterschätzen ist, dass die Vorarlberger nicht nur bergauf, sondern auch bergab können, wie modern nicht die ganzen Winkel am Rapcon sind und sowieso Simplon jetzt auch Enduro ist, erzähl ich lieber kurz, was ich mit dem Radl heuer angestellt hab.

 

Jahrestag

Das Simplon und ich haben heute nämlich Jahrestag. Am 15. November 2017 sind wir das erste Mal ausgerückt. Die Vorbereitung dafür: aus der Schachtel nehmen, Lenker gerade drehen, Sattel einstellen, Pedale montieren. Simplon macht’s ziemlich leicht ziemlich schnell auf die Trails zu kommen. Alles ist vormontiert und eingestellt. Dafür hatte ich Probleme den Radlkarton durch meine Wohnungstüre zu bringen. 1,80 Meter sind doch eine stattliche Größe für einen Verpackungsumschlag.

Jungfernfahrt.

Ein paar Herbstausfahrten folgten. Mal trocken, mal richtig gatschig. Gerät und Fahrer gewöhnten sich aneinander. Besonders als sich die Plus-Reifen in die Garage verabschiedeten. Das war auch gut so. Bald darauf standen die ersten schneefräsn-Rennen am Programm – und mit dem Ride Hard on Snow zu Beginn nicht das zimperlichste. Das Setup für die Abfahrt auf der Weltcup-Skipiste: Flatpedale und Sattel ganz versenken. Nicht einmal Gatschreifen bekam das Simplon spendiert.

Die Petzen Bike Trophy im Tiefschneegestöber und einige Winterausfahrten kamen nach dem Highspeed-Ritt. Dann eine Woche Finale Ligure. Kein Rollercoaster-Wellness, sondern jede Menge Tiefenmeter auf Trails vom Rebel Yell bis zum Caprazoppa. Und volley zurück in den Winter. Gefühlte minus 20 Grad beim schneefräsn-Rennen in Innsbruck. Alles weiß, nur der ligurische Dreck pickte noch am Unterrohr. Der blieb auch bei den letzten drei Schneerennen auf den Wexl Trails, in Saalbach Hinterglemm und beim Grande Finale – dem Kasberg Inferno – genau dort.

Der Dreck von Finale pickt bei -20 Grad. Foto (c) Moris Lauinger

Selbst in den Waldviertlern driftet es sich mit dem Simplon gut. Foto (c) Tomo Jeseničnik

 

Sommer

Wenn mein Material könnte, dann würde es sich wahrscheinlich einen anderen Besitzer suchen. Kann es aber nicht. So musste das Simplon als einziges Rad im Stall – abgesehen vom Staub sammelnden Rennrad und dem Cityflitzer – das am Auto-Heckträger angehäufte Streusalz mithilfe von Wasserlacken abspülen, um in die Sommersaison zu starten. Dafür bekam es aber auch einiges geboten.

Montenegrinischer Probesitzer beim Balkan-Trip.

In dieser Lackierung ist das Rapcon als Foto-Radl eher suboptimal. Foto (c) Klemens König

Regelmäßige Trail-Ausfahrten gehörten zur Pflicht. Die Liste der Kür war zudem eine lange und anspruchsvolle, die das Simplon quer durch Europa führen sollte. Es sah ein paar der schönsten Flecken Österreichs, besuchte ganze acht Länder und ritt sogar mit Pferden! Die Highlights:

  • 1x Tschechien (Rychlebske stezky)
  • 5x Slowenien (Golovec Trails Enduro, Trail Days, Black Hole Trail, Jamnica, Bikepark Krvavec)
  • 1x Austrian Gravity Series Rennen (Königsberg)
  • 2x Kirchberg in Tirol
  • 1x EWS Petzen/Jamnica
  • 1x Balkan (Albanien, Kosovo, Montenegro)
  • 1x Enduro Leogang
  • 2x Kroatien (Enduro Groznjan, Rabac)
  • 1x Zillertal

Einen nächtlichen Transport auf der Ladefläche eines albanischen Pritschenwagens über eine rumpelige Schotter-Bergstraße steckte es ebenso weg, wie die Schlammschlacht nach dem Unwetter beim Austrian Gravity Series Rennen im Bikepark Königsberg oder die Stages der Enduro World Series auf der Petzen (auch wenn es dort als “All Mountain” gehänselt wurde). Beim Enduro in Leogang erwies sich das Simplon sogar standfester als meine Schulter.

Ein Jahr lang hat das Simplon nichts bekommen, außer viele Trailmeter, Bremsbeläge und ein bisserl Kettenöl. Neu schaut’s nicht mehr aus. Dafür sind zu viele Schrammen dazugekommen und die Bremsscheiben zu dünn. Funktional fehlt ihm nur ein rechter Bremshebel, der im Oktober am Vorabend des Enduro Groznjan seinen Dienst quittierte.

Setup für die EWS Petzen.

Kaputte Bremse in Groznjan - Mr. Kabelbinder eilt zur Hilfe.

Ich hab’ das Rapcon weder gewogen noch vermessen. Wie gesagt, hier geht’s um’s Biken und nicht darum Datenblätter zu lesen. Es war verspielt, lustig zu fahren, sicher kein so ein Bügelbrett wie Reign, Dune und Konsorten. Dafür aber zuverlässig und gut ausgestattet: XT Bremsen, X0 12fach Antrieb, Pike Gabel, Deluxe RT3 Dämpfer, Kindshock Stütze. Die Bestückung kann man sich übrigens nach Belieben aussuchen. Sehr lässig ist, dass die Vorarlberger detailverliebt sind. Da findet sich ein Acros Steuerschatz mit Anschlag, dass man den Carbon-Lenker nicht in den Carbon-Rahmen rammen kann, saubere Kabelführungen und ein Radl auf dem neuesten Stand (metrischer Dämpfer, Boost Naben). Ich bin 1,74m groß und hab mich auf Rahmengröße M ziemlich flott wohl gefühlt. Das Rapcon war so recht kompakt, was mir lieber ist als ein ewig langer Hobel, der maschiert. Rennen muss ich keine gewinnen, für mich zählt nur der Spaß am Bike. Und den hatte ich mit dem lebendigen Rapcon auf jeden Fall. Simplon kann definitiv Gravity.

Definitiv ein spaßiges Radl. Foto (c) Klemens König

 

Christoph Berger-Schauer

Christoph Berger-Schauer

Dicke Schlappen, schmale Reifen, bergauf, bergab – ist für alles zu begeistern, nur flach darf es nicht sein. Unbekehrbarer Fahrrad-Afficionado, seit einiger Zeit vom Enduro-Virus befallen. Schreibt nieder, was andere nicht in Worte fassen können.