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Der EWS Tourist

Foto (c) Bastian Meier

 

Es gibt Sachen, wenn sich die einmal im Hirn festgesetzt haben, muss man sie machen. Bei mir ist das mit der Enduro World Series so eine Sache. Seit es die Serie wird der Wunsch in der höchsten Liga einmal mitzurollen immer evidenter. Die Bedenkzeit vom Eintrudeln des Lotteriestartplatzes für die EWS auf der Petzen bis zur Überweisung des Startgeldes war ziemlich kurz, wie man sich denken kann.

 

Durchschnittsendurist

Ich fahr für mein Leben gern mit dem Radl und verbringen ziemlich viel Zeit im Sattel. Skill-mäßig bin ich aber mit Durchschnitt gesegnet, Geschwindigkeitsmäßig sowieso. Fit? Ok, ja. Die Stoppuhr ist aber nicht mein bester Freund. Kurz gesagt: eine richtige Mission habe ich bei der EWS nicht. Und eigentlich gehen mir solche Leute gehörig auf den Senkel. Die, die sich mit viel zu geringen Fähigkeiten einer viel zu großen Herausforderung stellen und dann erbärmlich eingehen. Firmenläufe sind immer wieder so ein Schauspiel falscher Selbsteinschätzung und kollektivem Übermuts. Bürohengste und -damen, die nie in ihrem Leben Sport betrieben haben, melden sich für die Halbmarathondistanz an und schauen dort zwischen einem Dutzend Kenianern etwas fehl am Platz aus. Die Angst, genauso deplatziert auszuschauen, habe ich bei der EWS auch. Und trotzdem zahle ich gutes Geld, dass ich bei der höchsten aller Rennserien starten darf. Genau darum geht’s aber. Noch kann man als Mr. NoSkill im gleichen Rennen wie Sam Hill und Konsorten starten. Noch hat die EWS Bodenkontakt. Wer weiß wie lange das noch so ist. Im Downhill-Weltcup konnte man früher als Ottonormalo auch mitfahren – heute undenkbar. Der Entschluss war deshalb sonnenklar: wenn sich die Chance ergibt, sofort ergreifen!

Definitiv bereiter als ich für die EWS...

...mein Simplon 'All-Mountain'.

Afro-Vibes

Die Chance kommt recht ungelegen. Das Rennen auf der Petzen fällt eher ungünstig. Am Wochenende davor fand die Enduro ÖM in Graz statt. Als Mitorganisator schaffte ich es nicht einmal selbst die Stages abzurollen. Dann in der Woche der EWS noch ein Magazin-Drucktermin. Wer Print-Drucktermine kennt weiß, dass der 24. Dezember für Weihnachten eine vergleichsweise harmlose Deadline ist. Zeit am Radl in den letzten zwei Wochen? Nada. Meine Vorbereitung ist also “on point”. Zusätzlich zum Skill-Defizit baut sich ein kleines Nervositätslevel auf.

Das wird am Morgen des ersten Trainingstages sofort gemindert. Kaum die Autotür aufgeschwungen und aus dem Schlafsatz geblinzelt, erspähe ich die Afrobiking-Truppe. Wer die Jungs kennt, weiß: da geht’s immer entspannt zu. Die idealen Trainingspartner, ich häng’ mich dran. In Jamnica tummeln sich nicht nur ordentlich Regentropfen, sondern auch Fahrer. Auf den Trails geht’s aber entspannt zu. Gruppe A (Hill, Rude & Co) und Gruppe B trainieren die Stages abwechselnd. Ich genieße es wieder mal am Radl zu sitzen, noch dazu auf so schönen Trails und mit derart lustiger Gesellschaft. Im Konvoi von gut 10 Leuten haben wir ziemlich viel Spaß und zumindest ich achte ziemlich wenig auf Sekundäres wie Ideallinien und Shortcuts. Das Zurückschieben an neuralgischen Stellen spare ich mir. Ich bin froh wenn ich mir ungefähr merken kann, wo ich in zwei Tage mit 200 Puls entlangfahren muss. Auf zentimetergenaue Präzision meinerseits brauche ich da gar nicht hoffen. Die “Jungle” Stage ist rutschig, aber lustig, weil immer wieder wer quer zur Fahrtrichtung steht. Die “Blueberry” Stage ist die kürzere des Tages und mit Wurzeln und Gräben typisch für Jamnica. Bis jetzt schaut alles recht machbar aus.

Bis jetzt. Denn zum Abschluss jedes Tages wartet ein echtes Monster auf uns. Einmal von der Petzen Bergstation nonstop bis zur Talstation. 1.000 absolut technische Tiefenmeter. Handkraft-mäßig bin ich sowieso schon kein Kapazunder. Bei einer 15-Minuten-oder-mehr Stage habe ich meine Zweifel, ob das für meine Computerhände überhaupt machbar ist. Die furchteinflößenden Schilderungen der trainierenden Kollegen im Vorfeld (“Wie die Permanente am Schöckl, nur dreimal so lang”) tragen nicht zur Vorfreude bei. Wir cruisen den “EWS Trail” hinunter, so wie schon in Jamnica, nur mit noch mehr Slip’n’slide. Denn es hat geregnet und der Weg recht frisch. In Gruppe B wird die Fahrbarkeit mancher Stellen in Frage gestellt. Trotz einiger Schlüsselstellen lässt sich alles meistern, wenn auch mit Pausen. Ein gutes Gefühl am Bike stellt sich ein, als der Berg dann auch noch seine Steilheit verliert. Die Gruppendynamik reißt mich mit. Hinter den Afroboys ziehe ich bei einem Double ab, lande mit dem Vorderrad auf einem rutschigen Fels und knalle mit der Hüfte gegen die Böschung. Ein ordentlicher “Eisenbahner” (ein Stoßfänger-großer Bluterguss), wie mir Burgenlands schnellster Endurist, Peter Mihalkovits erklärt. Es ist 16 Uhr an Tag eins von vier und ich wanke herum wie ein 80-jähriger. Trainingstag eins endet genau so, wie ich es vermeiden wollte. Ich bin k.o., lege mich ins Auto und hoffe, dass ich morgen überhaupt radeln kann.

Steil, steiler, Thriller. Foto (c) Bastian Meier

Der 'Eisenbahner'.

 

Wunderheilung

Der Körper ist ein ziemliches Wunderding. Ich kann mich auf meiner Isomatte nur unter Schmerzen umdrehen, aber kaum am Bike, fühle ich mich wie frisch geboren. Stürzen ist für heute aber tabu. Es geht wieder über die slowenische Grenze, nach Mezica. Stage 5 ist kurz, saumäßig rutschig, aber lustig. Bei Stage 4 wird gemunkelt, dass sie die schönste der gesamten EWS-Saison ist. Nur hinkommen muss man mal. Bevor man auf frischem Nadelboden durch Heidelbeersträucher pflügen darf, sind einige richtig steile Höhenmeter schiebend zu erklimmen. Etwas steiler noch und ein Klettersteigseil wäre hilfreich. Die Stage ist aber wirklich unglaublich gut. Radlfahren macht heute wieder besonders Spaß. Nach der Stollendurchfahrt verasse ich mit kräftiger Unterzuckerung den lokalen Supermarkt vollbepackt mit ungesundem Zeugs. Ich bin aber bei weitem nicht der Einzige. Voll gestärkt wartet die letze Prüfung des Tages.

Am Thriller war ich das letzte Mal vor über einem Jahr. Ich will das Ding durchfahren, um zu schauen ob meine Hände das im Rennen aushalten können. Ich lass die anderen fahren, schlag’ mein eigenes Tempo an. Aber keine Chance. Nach einem gefühlten Zehntel der Strecke machen die Hände zu. Bremsen wird zum russischen Roulette. Dosierung ist ein Fremdwort. Ich bleib sicher fünfmal stehen. Zumindest lege ich mich nicht noch einmal hin. “Doch ein bisserl zu heftig für dein All-Mountain”, meint der Kollege mit dem Mini-Downhiller mit Blick auf mein Simplon. Ich nicke, weiß aber: am Bike liegt’s nicht.

Slip'n'Slide. Foto (c) Bastian Meier

Macht man auch nicht alle Tage: durch einen alten Stollen radeln. Foto (c) Bastian Meier

 

Der große Tag

Dank meines großartigen Renn-Palmarés – nämlich “keine Ergebnisse” – darf ich als einer der ersten über die Startrampe rollen. Keine 15 Leute sind vor mir. Markus Gruber, der Österreicher mit den meisten EWS-Kilometern, macht mir am Start noch Angst mit extrem knapp bemessenen Transferzeit, weshalb ich wie ein Irrer im Zeitfahrstil über die Kärntner Nebenstraßen brettere. Mein Respekt vor einer Penalty ist so groß, dass ich erst vom Gas gehe, als ich die vor mir gestartete Gruppe einhole. Resultat der ganze Aktion: eine halbe Stunde Däumchendrehen am Start von Stage 1. Die läuft ganz passabel, obwohl ich mir keine einzige Schlüsselstelle gemerkt habe. Markus, der vor mir gestartet ist, habe ich immer im Blick, von hinten kommt keiner, nur Esteban zwingt mich in der letzten Wurzelpassage zum Ausweichmanöver.

Ab jetzt zählt's.

Ähnliches Bild auf Stage 2. Den Transfer viel zu schnell gemeistert und jetzt relaxen vor dem Starthäuschen. Die Transferzeiten sind bis jetzt großzügig. Nur Esteban sieht das anders. Der kommt vollkommen außer Atem 60 Sekunden vor seinem Start, setzt sich gerade noch den Helm auf und tritt los. Ich bilde mir ein die Stage recht gut gemerkt zu haben. Diese Illusion verpufft nach den ersten 50 Metern. Wo wir wunderschönen Waldboden hatten, ist nach dem Gruppe A-Training ein Wurzelteppich übrig. Mit Ach und Krach halte ich mich in der steileren ersten Hälfte am Rad. Es ist noch immer verdammt rutschig. Unten wird’s flacher, mit leichten Bergaufpassagen. In der ersten steht Esteban. Ich glaube schnell zu sein. Bis mich der hinter mir startende Kollege stehen lässt. Die Stage war beim Besichtigen richtig lustig, jetzt ist sie einfach endlos. In der leichtesten aller Kurven gehe ich zu Boden. Bestandsaufnahme: keine Verletzungen, nur die Flasche im slowenischen Unterholz verloren. Nach der zweiten von sechs Prüfungen bin ich gut durch. Martin Maes soll später über diese Stage sagen: “This is not Enduro.” Und das von einem der fit ist. Ich würde gern mit ihm tauschen.

Nachdem die netten Burschen von Sram mein Schaltauge ausgebogen haben, sitze ich in der Petzen Gondel und weiß noch immer nicht, wie ich die 1.000 Tiefenmeter durchfahren soll. Stehenbleiben würde mir einfach nur peinlich vorkommen. Das Wetter ist dankenswerter Weise schöner geworden, die Bedingungen trockener. Ich rolle wirklich nur in die Stage. Möglichst locker am Bike bleiben, nie treten, wenig Bremsen. Nach einem Drittel hole ich Markus ein. Ich bin echt in einem guten Rhythmus. Unten kann ich sogar noch etwas andrücken. Ein gutes Gefühl Tag 1 so zu beenden. Vor dem Sprung in den Speicherteich noch schnell Ravanel, Hill, usw. zugeschaut und Inspiration für morgen geholt.

 

Finale

Der zweite Renntag soll mit der schönsten aller Stages beginnen. Für mich startet er allerdings mit einem ausgerissenen Gewinde am Schalttrigger. Glücklicherweise ist Enduro-Veteran Markus mit Isolierband ausgestattet. Der Trigger sitzt wieder, Schalten ist halt nur zweihändig möglich. Die Stage ist grandios. Lauter geile Kurven. Selbst die Schlüsselstelle – drei Spitzkehren – funktionieren top. Dass ich mit kraftmäßig am unteren Limit agiere, merke ich, als ich mich in die Anliegerkurven einfach reinfallen lasse und plötzlich wirklich in einer komplett zum Liegen komme. Ärgerlich, aber zumindest geht’s bei mir nicht um einzelne Sekunden, wie bei Hill vs. Maes. Nach dem Stollentransfer erwartet uns ein Anstieg, den wir im Training nicht zu Gesicht bekommen haben. Eine Rampe, die man einfach nur als fies bezeichnen kann. Ideales Terrain für mein “All-Mountain”. Als ich mir den Kollegen mit dem Mini-Downhiller fluchend an diesem Uphill vorstelle, sehe ich Esteban vor mir – in Serpentinen schiebend. Ich drücke ihm die Daumen, dass er es rechtzeitig bis zur nächsten Stage schafft. Die ist die kürzeste des Wochenendes und deshalb mit relativ wenig Action. Alles läuft glatt, nur noch eine Stage, dann habe ich mein EWS-Rennen geschafft. Die Motivation ist hoch.

Zumindest mein Radl glaubt an mich.

Nachdem ich jetzt weiß, dass ich die Petzen von oben bis unten durchrollen kann, will ich jetzt etwas Tempo mitnehmen. Ich starte motiviert in die ersten Kurven, fahre aggressiver, bremse später, pedaliere wo nötig. Markus hole ich wieder im ersten Drittel ein. Als ich auch mich aufmerksam machen will, merke ich, wie der Abstand zwischen uns langsam wieder größer wird. Meine Unterarme machen zu. Bremsen ist auf dem Niveau eines Führerscheinanwärters. Ich würde am liebsten stehen bleiben, erlaube es mir aber selbst nicht. Die letzten 500 Höhenmeter sind ein Kampf mit meinen Händen. Kompressionen – und davon gibt’s im unteren Teil des Thrillers mehr als genug – holen mich fast vom Rad. Meine Stage-Einteilung war katastrophal. Umso erleichterter bin ich, als ich durch’s Ziel rolle. Dort grinst Esteban schon über beide Ohren. Bergab ist mehr sein Ding. Ich lege ich ins Gras und freue mich: ein Ding von der Lebens-To-Do-Liste abgehakt.

Im Ziel zu sein hat sich selten so gut angefühlt.

 

Christoph Berger-Schauer

Christoph Berger-Schauer

Dicke Schlappen, schmale Reifen, bergauf, bergab – ist für alles zu begeistern, nur flach darf es nicht sein. Unbekehrbarer Fahrrad-Afficionado, seit einiger Zeit vom Enduro-Virus befallen. Schreibt nieder, was andere nicht in Worte fassen können.