Pinkeln mit Freunden

Max TrafellaGeil wars

Pinkeln mit Freunden NADA Max Fejer Max Trafella Daniel Schemmel

Wir schreiben das Jahr 2020. Die Enduro-Rennsaison nahm soeben ihr wohlverdientes Ende, die Staatsmeisterschaften in Stattegg wurden soeben erfolgreich ausgetragen. Es war ein anstrengendes Tagerl, vier kurze, aber harte Stages und ein paar harte Transfers lagen hinter uns. Die Herbstsonne lachte vom Himmel, es konnte schöner nicht sein. Glücklich standen wir vor unserem Wohnwagen, der gut mit Bier gefüllte Kühlschrank leerte sich stetig. 15 Minuten bis zur Siegerehrung, meine Nase war ziemlich verstopft, anscheinend machten ihr die etwas frischeren Temperaturen zu schaffen. Schnell noch ein Hub Nasenspray links und rechts, schließlich war das Rennen eh schon vorbei. Jeder nahm sich noch ein frisches Hopfensprudel, und wir machten uns auf den Weg zur Siegerehrung. Alles leiwand.

Max Fejer Erster, Daniel Schemmel Zweiter, Trafella Dritter. Traumhaft, die Saison mit meinen Spezls am Podium zu beenden. Nach dem corondabedingt eher kurzen Bad in der Menge standen dann plötzlich zwei sehr seriös wirkende Herren neben uns. Auf ihren dunkelblauen Softshelljacken war ein Logo aufgestickt, welches mir zwar wohlbekannt war, bei einem Endurorennen hatte ich es jedoch noch nie gesehen. 

NADA. 

„Grüß euch, wir sind von der NADA, ihr müssts bitte alle eine Dopingkontrolle abgeben.“ „Dürf ma zuerst a Foto mit euch machen? Sowas hab ma bis jetzt noch nie gehabt!!“ Zugegebenermaßen fühlten wir uns wirklich geehrt, dass es jetzt endlich einmal Dopingkontrollen bei einem Endurorennen gab. Unsere Disziplin wird ja bekanntlich in vielen Kreisen immer noch nicht sonderlich ernst genommen, aber jetzt saßen wir in einem kleinen Hinterzimmer im Lässerhof und träumten von Olympia 2024. Wobei alles der Reihe nach, denn zuerst mussten wir unsere Ausweise vorweisen. Diese hatten weder Daniel noch ich eingesteckt, wer braucht auch einen Führerschein am Podium, fahrtüchtig waren wir sowieso nicht mehr.

Also gings wieder auf zum Wohnwagen, stets begleitet von unserem inzwischen lieb-gewonnenen NADA-Kontrolleur. Selbst als ich durch die Eingangstür huschte, war er mir dicht auf den Fersen: „Wir dürfen euch bis zur Probenabgabe nicht aus den Augen lassen“ und schon stand er mit mir im Wohnwagen. (Kurze Anmerkung: bei uns hats ausgeschaut als wär eine Bombe eingeschlagen.) Professionell ignorierte er unser Chaos, und während ich nach meinem Führerschein suchte, sah ich auf einmal den Nasenspray vor mir stehen. Fuck, Oxymetazolin, ist das nicht auf der Dopingliste? Plötzlich war ich nimmer so entspannt, hektisch friemelte ich meinen Führerschein aus dem Geldtascherl heraus, und auf gings zurück zum Eventgelände. Am Weg dorthin überschlugen sich meine Gedanken. „Enduro-Rennfahrer des Dopings überführt,“ sah ich die Titelseite der Kronenzeitung vor mir. Ich sah Shitstorms auf Instagram und stellte mir vor, wie ich alle meine geliebten Tatze-Pedale wieder zurückschicken musste. Alles nur wegen eines Spritzer Nasensprays.

So saßen wir nun alle in diesem kleinen Hinterzimmer, die anderen träumten von Olympia, ich sah eine lebenslange Sperre vor mir. „Müssts eh alle schon aufs Klo?“ hallte es durch den Raum. Für die Kontrolle musste ja eine Urinprobe abgegeben werden, deswegen erkundigte sich einer der Kontrolleure pflichtbewusst nach dem Füllstand unserer Blase. Das Feedback fiel eher gemischt aus. Wir alle waren natürlich vorsorglich vor der Siegerehrung noch Pinkeln, nur Daniel, dessen Blase so klein ist, dass sie sogar bei einem Jeffsy in den Flaschenhalter passen würde, hatte es bereits ein bisserl eilig mit der Probenabgabe. „Okay, da habts ein Mineralwasser, trinkts ruhig so viel wies wollts, damit dann alles hinhaut!“ Wir schlürften also alle wie die Weltmeister an unseren Flascherln, genauer gesagt alle, bis auf den Daniel, der eher unentspannt auf seinem Sessel hin und her wippte.

Pinkelprozedur

Als erstes war der Herr Fejer dran. Die Prozedur lief folgendermaßen ab: Zuerst wurden eine Viertelstunde circa 162 Formulare ausgefüllt und unterschrieben. Dann bekam der Prüfling drei in Plastik eingeschweißte Urinbecher vorgesetzt. Hier musste der Athlet selbstständig jenen Becher auswählen, welcher ihm am sympathischsten erschien. Diese Auswahlprozedur wird gemacht, damit Manipulationen seitens der Nada ausgeschlossen werden können – oder so. Ganz genau konnten uns dass die Kontrolleure aber auch nicht erklären.

Dann wurde es ernst. Der frisch gebackene Staatsmeister verschwand mit einem der Beamten ins WC und erledigte das, was man dort halt so erledigt. Stolz präsentierte er uns seinen randvollen Becher als er wieder herauskam. 90ml ist die Mindestabgabemenge, „aber besser ihr schaffts mehr als 150ml, denn dann darf da Urin auch ein bisserl dünner sein. Wir messen ja die Dichte und wenns zu wässrig ist müssts noch einmal a Dreiviertelstunde warten…“ Nervosität füllte den Raum. Ich hatte bereits meine dritte 0,5er Flasche Waldquelle mild geöffnet und jetzt erfahren, dass unser Wasserl nicht zu sehr verdünnt sein sollte. Na bravo. Die Probe wurde dann in zwei Glasbehälter gefüllt, A- und B-Probe, danach wurden wieder 162 Formulare unterschrieben, und fertig war die Prozedur.

Als nächstes wurde gnädigerweise der Herr Schemmel drangenommen. Am liebsten hätte er gleich auf die Formulare gepinkelt, so dringend wars bei ihm. Dies konnte glücklicherweise von den Kontrolleuren verhindert werden. Danach kamen die Mädels an die Reihe, allesamt erfahrene CrossCountry-Racerinnen, die bereits gut mit der Prozedur vertraut waren. Ich saß auf meinem Sessel und schwitzte, obwohl es inzwischen recht frisch war. Mein Puls war erhöht, aber dank Nasenspray konnte ich immerhin ruhig vor mich hin schnaufen. Auf meinem Handy die Medikamentenabfrage auf der NADA-Homepage zu starten traute ich mich nicht. Diese Blöße wollte ich mir nicht geben. Nach einer gefühlten Ewigkeit (es waren in Wirklichkeit auch fast zwei Stunden) war ich dann endlich dran. Im WC angekommen war ich alles andere als locker. Pinkeln ist zwar grundsätzlich nicht die schwierigste Aufgabe, vor allem nicht, wenn dich drei Flaschen Mineralwasser dabei unterstützen. Der NADA-Kontrolleur, welcher mein bestes Stück dabei aber akribisch inspizierte, machte die Sache jedoch nicht ganz so easy. 

Irgendwann war der Becher aber voll und ich konnte mein angenehm warmes Erzeugnis in A- und B-Probe abfüllen. 20 Unterschriften und ein paar lustige Fragen später („Trainer? Heast ich hab nicht amal an Pulsmesser, ja schreibts einfach Daniel Schemmel hin…“) war ich endlich wieder in Freiheit. Als erstes googelte ich natürlich die NADA-Homepage. Zack, Nasivin in die Medikamentenabfrage eingetippt, Puls bei 200. Nasivin, Wirkstoff Oxymetazolin, ist sowohl im Training als auch im Wettkampf erlaubt. Erleichtert atmete ich durch meine weit geöffneten Nebenhölen auf. Also nix mit der Titelseite auf der Kronenzeitung. Dafür immerhin Bronze bei der Enduro-ÖM.

Nochmal Glück gehabt.
Über den Author
Max Trafella

Max Trafella

Gehört zu den schnellsten Enduristen Österreichs. Genießt die Zeit im obersteirischen Bergland aber mindestens genau so, wie das Racen mit Chip am Radl.

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