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Taxi Cojones

 

Auf der Suche nach einer Winterdestination zum Biken fiel die Wahl in unserer lustigen Runde auf La Palma. Die Insel neben Gran Canaria, Teneriffa und Konsorten ist perfekt für unsere Ansprüche: viele Trails, viele Tiefenmeter und angenehmes Wetter. Mit nur einem Hügel (der 2.400 Meter hoch ist) in der Mitte und akribisch ausgeschilderten Wanderwegen, ist das Navigieren außerdem für unsere führerlose Truppe ein Kinderspiel.

La Palma ist ein ziemlich unrealistischer Flecken Erde.

Und zwar ein richtig lässiger zum Biken.

Shuttle bitte

Kurbeln, haben wir bei unserem ersten La Palma vor ein paar Jahren festgestellt, ist auf La Palma ein ziemlich aussichtsloses unterfangen. Die Meereshöhe am Strand beträgt 0, am höchsten Punkt über 2.400 Meter. Mit dem Auto ist man da schon gut 1,5 Stunden unterwegs. Wir brauchen ein Shuttle. Am besten eines mit Fahrer, weil Chauffeur will keiner Spielen, wenn ewig Trails warten. Kurzerhand durchforsten wir das Online-Telefonbuch von La Palma nach Taxifahrern. Alle mit E-Mail-Adresse schreiben wir an – ganze fünf (!) – und versuchen ob sich wer auf eine Pauschale für 10 Tage einlässt: Zweimal Shutteln pro Tag, egal wohin auf der Insel.

Vicente

Ding! – erste Antwort. Taxifahrer Vicente García unterbreitet uns ein Shuttle-Angebot, das wir nicht ablehnen können. Flughafentransfer inklusive. Mit welchem Gerät er das zu bewerkstelligen gedenkt? Ein 7-Sitzer Opel Zafira mit Anhänger ist das Vehikel der Wahl, kommt die Antwort in perfektem Englisch prompt. Unser Vorfreudepegel steigt. Wenige Wochen später packen wir die Koffer und sitzen uns in den Touristenbomber Richtung Kanaren.

Ola!

“Christopher?”, fragt mich ein Mann, den ich anhand seiner gesunden Hautfarbe eindeutig als Einheimischen identifiziere. “Yes.” antworte ich. Sofort winkt er uns zur Flughafentür hinaus. Ein neuer, weißer Opel Zafira mit neu-lackiertem Anhänger steht dort. Vicente! Schnell stellt sich heraus, dass das perfekte Englisch aus den Mails nicht das von Vicente war. Auf dem Weg zur Unterkunft löchern wir ihn mit Fragen, retour kommt ein Erklärungsversuch mit Gesten. Wer sagt, mit Händen und Füßen kann man sich alles ausdeutschen, dem sei gesagt: du irrst. Selbst unsere Activity-Pantomime-Skills stoßen in Vicentes Taxi an ihre Grenzen. Dabei wäre er echt bemüht. Man merkt, dass er uns mehr sagen möchte, als sein Fremdsprachenvokabular zulässt. Und dann fängt er an zu telefonieren. Zuerst sehr schnell per Freisprecheinrichtung auf Spanisch. Dann plötzlich Stille, bis sich nach kurzer Pause eine Frau in perfektem Deutsch meldet: “Hallo, ich bin die Schwester des Taxifahrers.” Sie erklärt uns, dass das Englisch in den Mails von Vicentes Frau kam, dass Vicente, weil unser Flieger Verspätung hatte bereits mit dem Vermieter unseres Appartment eine spätere Schlüsselübergabe vereinbart hat, er wissen möchte was er sonst noch für uns tun kann und wann er uns morgen abholen darf. Wir sind baff. Vicente grinst und deute auf seine Uhr. Mit den Fingern vereinbaren wir die Abholzeit auf 9.

Das kleine Wörterbuch war immer am Mann.

Trotzdem blieben uns manche Erklärungen von Vicente ein Rätsel.

Trailscouter

Überpünktlich steht er vor unserem Appartment. Mit einer Gewissenhaftigkeit, von der sich österreichische Busfahrer gerne etwas abschauen könnten, verzurrt er unsere Bikes auf dem Anhänger und blickt uns fragend an, wenn er sich nicht sicher ist, ob er den Spanngurt über den Carbonrahmen zurren darf. Ich zeige ihm auf der Karte den Plan für den heutigen Tag. Er nickt und steuert los. Auf knapp 2.000 Höhenmeter satteln wir die Bikes und Vicente deutet uns den Trail. Als Anhaltspunkt zum Aufgabeln zeige ich ihm auf der Karte ein größeres Hotel. Er schüttelt nur den Kopf und zeigt auf das Ende des Trails. Ich hab so meine Zweifel, dass uns Vicente auf der anderen Seite der Insel wieder findet. Zumal seine Statur nicht gerade darauf schließen lässt, dass er die Trails selbst kennt. Zwei Stunden später spuckt uns der Dschungel direkt vor Vicentes Opel Zafira aus. Die nächsten Tage sind gleich. Wir kümmern uns nur um den Trail, Vicente postiert sich direkt am Ausgang.

Der Meister des Spanngurts.

Selbst am anderen Ende der Insel wartete unser Taxi direkt am Trail-Ende.

Local

Der Defektteufel hat uns gleich am ersten Tag auf dem Kicker. 50 Meter in den ersten Trail bricht mein Schaltwerk ohne ersichtlichen Feindkontakt, knickt ins hintere Laufrad, reißt dort zwei Speichen ab, dass die Milch nur so spritzt und reisst zu allem Überfluss die Kette mit sich. Mein mit zu viel “Power Juice” gefütterte Kollege reisst beim wieder aufpumpen noch das Tubeless-Ventil ab. Chainless cruise ich zu unserem Taxi. Er blickt auf das Wrack unter mir und nickt. Minuten später biegen wir zu einem Bikeshop. Ein Freund von ihm, wie sich herausstellt. Der Mann hat alles da, was wir brauchen. Die restlichen achteinhalb Biketage können kommen.

0-Speed statt 10-Speed.

Der erste Tag forderte Opfer.

Cortado

Die Abfahrten auf La Palma sind lang. Das Gebiet ist ein Traum. Zwei, drei Stunden kann man mit einem Downhill locker beschäftigt sein. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: lange Shuttlefahrten. Trotz Spanischwörterbuch verbessert sich die Kommunikation mit Vicente nur in sehr kleinen Schritten. Dank seines Radiostreiks ist es im Auto die meiste Zeit recht still. Worin wir uns aber blind verstehen, ist die Kaffeepause beim zweite Shuttlerun des Tages. “Cortado?”, fragt Vicente und weil er weiß, dass wir alle mit “Si!” antworten würden, biegt er ohne darauf zu warten zur nächsten Kneipe oder Tankstelle. Cortado Leche-Leche entwickelt sich binnen kürzester Zeit zu unserem Lieblingsenergieshot. Kaffe mit Milch und Kondensmilch. Gesund hin oder her: das sollte es in jedem Bikepark geben. Da würden sich die Verletzungen am Nachmittag halbieren. Nach ein paar Tropfen ist man garantiert putzmunter.

Zucker-Koffein-Kick-Ritual: Cortado Leche-Leche.

Nicht zu verwechseln mit Drop Leche-Leche

Cojones

Der schnellste bei der Tour de France trägt das gelbe Trikot, der Führende im Skiweltcup eine rote Startnummer. In unserer Runde auf La Palma wird man für den dümmsten Move geehrt. Und zwar mit sogenannten “Bike Balls”. Blinkende Hoden – als Fahrradlicht gedacht. Die hat mein Bruder still und heimlich aus der Heimat eingeschleußt und feierlich am ersten Abend an mein Bike geschnallt. Weil ich eine Kurve übersehen habe und auf die Forststraße hinunterfiel, darf ich den ganzen nächsten Tag mit baumelnden Eiern unter meinem Sattel bestreiten. Vicente bekommt sich gar nicht mehr ein. “Haha, Cojones, haha!” In den nächsten Tagen sorgen meine Kollegen für Cojones-Anlässe: Mit der Helmkamera im Gebüsch hängen geblieben, sich mit Bäumen angelegt und auf eine schräge Asphaltstraße gedropt, so dass sich das Tubeless-System lüften konnte. Von uns liebevoll “Drop Leche-Leche” genannt. Vicente taugen die baumelnden Cojones mindestens genauso wie uns. Auf jeden Radfahrer den wir mit dem Taxi überholen deutet er mit dem Finger und sagt: “No Cojones”, bevor er grinsend vorbeizieht. Als der Zeitpunkt kommt, wo wir die stabilen 25 Grad im Februar verlassen müssen, schenken wir die schon ziemlich mitgenommenen Cojones Vicente. “Taxi Cojones”, freut er sich und hängt sich die Eier an den Rückspiegel. Wir sind ziemlich sicher, dass sie beim nächsten Besuch noch immer im Opel Zafira baumeln.

Leuchtende Hoden als Trophäe.

Taxi Cojones!

 

Wer den unkompliziertesten und besten Shuttlefahrer von La Palma sucht – der übrigens versprochen hat seine Englisch-Kenntnisse aufzupolieren der erreicht Vicente García per Mail: info@servitaxilapalma.com

 

 

Christoph Berger-Schauer

Christoph Berger-Schauer

Dicke Schlappen, schmale Reifen, bergauf, bergab – ist für alles zu begeistern, nur flach darf es nicht sein. Unbekehrbarer Fahrrad-Afficionado, seit einiger Zeit vom Enduro-Virus befallen. Schreibt nieder, was andere nicht in Worte fassen können.