Krieg ich 2021 ein Radl?

Christoph Berger-SchauerSzene

Fahrrad Verfügbarkeit 2021

Foto (c) fskugi.com

Im Frühjahr 2020 titelte der Kurier „Vor dem Dämpfer noch ein Superjahr“ und verarbeitete damit eine Presseaussendung des VSSÖ (Verband der Sportartikelerzeuger und Sportausrüster Österreichs) in der die 2019er Verkaufszahlen gepriesen und vor bis zu 50% Umsatzeinbußen im Coronajahr gewarnt wurden. Gekommen ist es ganz anders.

Für den allergrößten Teil der Fahrradhändler geht 2020 als Rekordjahr in die Unternehmensgeschichte ein – und das trotz des arg eingeschränkten Ostergeschäfts. Die Leute drängten aufs Rad, viele fingen gerade im Lockdown wieder an oder entdeckten das Radlfahren neu. Bikeshops wurden gestürmt und komplett leer gekauft. Im Sommer ergab sich bei etlichen Händlern ein Bild mit Seltenheitswert: man hatte so viele Räder verkauft, dass selbst die Auslagen leer ausschauten. Wir wissen sogar von Hilferufen an die Hersteller à la „Schickt mir alles was ihr habt, ich komm ohne Räder an!“

Es wurden sehr viele Räder in sehr kurzer Zeit verkauft.

Michi Knopf, Geschäftsführer Radwelt MichiKnopf

Umsatzzahlen, die Pinkbike aus dem dritten Quartal 2020 zusammengetragen hat, belegen den Boom ziemlich eindrucksvoll:

  • Fox +32%
  • Hope +100%
  • Dorel (GT, Cannondale, Mongoose) +22%
  • GoPro +114%
  • MIPS +94%
  • Leatt +18%
  • Giant +14,6%

Für Radhersteller und -händler war 2020 ein durchwegs positives Jahr. Verkaufszahlen waren mindestens im Plansoll, wie Christoph Scholz von Pivot Cycles bestätigt, oder – wie an den Zahlen oben zu erkennen – einiges darüber. Simplon beispielsweise verzeichnete 40% mehr Vororder im Vergleich zu 2019.


2020: eine ungünstige Konstellation

Wir sind ja unendliche Auswahl und unendliche Verfügbarkeit gewohnt. Jeder, der 2020 ein Radl kaufen wollte, hat gemerkt, dass beides nicht Gottgegeben ist. Wenn noch Räder oder Teile verfügbar waren, dann war die Auswahl stark begrenzt. Das hatte mehrere Gründe.

Neu im Jahr 2020 war, dass alle Fahrräder geboomt haben. Trends, die den Verkauf von einzelnen Radsparten anfachten – z.B. E- oder Gravelbikes – gab’s in der Vergangenheit öfter. 2020 war’s komplett wurscht welches Rad man wollte: es war alles ausverkauft.

Und dann war da ja noch Corona, das uns den ganzen Boom (dank Lockdown und geschlossener sonstiger Freizeitmöglichkeiten) erst beschert hat. Taiwan, wo das Gros aller Fahrradteile produziert wird, wurde durch die Nähe zu China früher vom Virus heimgesucht als Europa. Den damit einhergehenden Produktionsausfall spürten wir verzögert, dafür an ungewöhnlicher Stelle: nämlich bei ganz banalen Teilen. Komponenten wie Schaltwerke, Griffe, Ketten, Bremsbeläge & Co waren plötzlich aus und konnten nicht nachgeliefert werden.

Obendrein scheint es beim Thema Transport etliche Hürden zu geben. Frachtschiffe spart eine Pandemie nicht aus, der Flugverkehr lag ebenfalls danieder. Aktuell soll es ein Ungleichgewicht bei der Containerverteilung geben, weil mehr Ware von Asien nach Europa als umgekehrt geschifft wird. All das führt zu einem Resultat: längere Lieferzeiten.


Und 2021?

Mehr Nachfrage + Produktionsausfall im Frühjahr 2020 + längere Lieferzeiten = keine schöne Prognose für 2021. Simplon-CEO Stefan Vollbach vergleicht die aktuelle Situation mit einem Physiotherapeuten, der während dem ersten Lockdown nicht arbeiten durfte, jetzt wieder alle seine Patienten zu ihm wollen, er aber nur zwei Hände besitzt und den Kundenandrang nur so schnell abarbeiten kann, wie er eben kann. Der Bike-Branche dürften darüber hinaus auch einige Finger fehlen.

Say hello 👋 Simplon-CEO Stefan Vollbach meldet sich zum Jahresende noch einmal zu Wort und spricht über das vergangene Jahr. Dieses Update solltet ihr nicht verpassen!

Posted by SIMPLON on Wednesday, December 9, 2020

Rahmen sind das wenigste Problem aktuell für die Hersteller. Die Krux ist die schlechte Verfügbarkeit von Teilen. 200 Tage wartet man in Taiwan aktuell auf einen Alu-Block, das Rohmaterial, skizziert Igor Mlinar von NOX Cycles die Einkaufslage. Mit ausgelasteten Produktionskapazitäten und langsamer Lieferkette wird daraus ein 3/4-Jahr Vorlauf für Teile. In Vorarlberg bei Simplon rechnet man ebenfalls mit 6 bis 24 Monaten Vorlaufzeit. Das heißt: wer heute (Jänner 2021) einen Charge Lenker bestellt, der erhält sie frühestens im Juli 2021.

Da kann’s leicht passieren, dass einiger Räder fast fertig aufgebaut sind, aber ein wichtiges Teil wie z.B. die Sattelstütze fehlt. Als einer der kleineren Hersteller versucht NOX Cycles das Problem zu umgehen, hat alle Anstrengungen unternommen und alternative Komponenten gesucht. 2021 wird man bei den Deutsch-Tirolern definitiv das Rad bekommen, das man möchte, allerdings mit anderen, aber mindestens gleichwertigen Teilen. Ab Mai sollte dann alles wieder lt. Katalog verfügbar sein. Bei Simplon will man im ersten Halbjahr 2021 vieles vom Rückstand aufgeholt haben, vieles wird sich aber um 3-4 Monate verschieben. Längere Lieferzeiten sind quer durch alle Marken usus. Mittlerweile hört man von Verschiebungen von bis zu knapp einem Jahr.

Wenn wir uns daran erinnern, dass Nachfrage und Angebot den Preis bestimmen, dann wird 2021 alle andere als ein Schnäppchen-Jahr. Man wird vermutlich froh sein können, wenn man einen fahrbaren Untersatz bekommt. Preisverhandlungen sind sowas von 2019. Eher muss man sich zukünftig auf 10 bis 20% Mehrpreis einstellen. Das spiegelt sich zum Teil jetzt auch schon auf willhaben & co wider.


Wird 2022 wieder alles gut?

Das lässt sich schwer sagen. 2020 haben viele das unverbrauchte Urlaubsgeld in Fahrräder investiert (sehr lobenswert, übrigens!). Viele, die im Coronajahr nichts passendes bekommen haben, werden es 2021 nochmal versuchen. Ob sich die Situation 2022 entspannt hängt für Igor von NOX vor allem von zwei Faktoren ab: hält der Bike-Boom an und bleibt die Kaufkraft derart stark.

Alles andere als einfach ist und wird es für die verkaufende Seite der Medaille. Joe Kreuzer vom Bikeshop Kreuzer in Bad Vöslau erzählt, dass bei einigen Herstellern bereits im Herbst 2020 die Vororder für die Räder 2022 fällig war. Wer nicht bestellte bekommt vermutlich keine Bikes. Ein ziemliches Lotteriespiel, wenn man bedenkt, dass nicht nur die richtigen Räder, sondern auch die richtigen Rahmengrößen + passende Anzahl 1,5 Jahre im Voraus geschätzt werden muss.

Hersteller wiederum müssen aktuell die Produtkionskapazitäten für die richtige Menge an 2022er Modellen reservieren und sich – durch den Boom – mit noch mehr Mitbewerbern darum streiten.

Wer ein funktionierendes Bike hat mit dem er happy ist: Gratulation, unbedingt behalten.

Über den Author
Christoph Berger-Schauer

Christoph Berger-Schauer

Dicke Schlappen, schmale Reifen, bergauf, bergab – ist für alles zu begeistern, nur flach darf es nicht sein. Unbekehrbarer Fahrrad-Afficionado, seit einiger Zeit vom Enduro-Virus befallen. Schreibt nieder, was andere nicht in Worte fassen können.

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