Sixfinity ist die neue Unendlichkeit

Christoph Berger-SchauerMaterial

YETI LT Brixen

Fotos: Angie Hohenwarter

Ein offenes Geheimnis wird mit heute offiziell gelüftet: Das LT ist die neue Enduro-Waffe von Yeti, inklusive neuem Fahrwerks-Design Sixfinity, das eigentlich von E-Bikes verursacht wurde.


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Wer bin ich?

Yeti ist eine Kult-Marke und eines der erfolgreichsten Teams im Rennzirkus. Das SB160 gewann mit Richie Rude und Slawomir Lukasik EDR-Weltcups, -Gesamtsiege und Regenbogentrikots. Das LT tritt in seine großen Fußstapfen als Enduro-Speerspitze und soll mit dem gänzlich neuen Fahrwerkskonzept das Trophäenregal weiter zum Ächzen bringen.


Im Stand

Oberflächlich betrachtet ist das Yeti LT (für Long Travel) ein Enduro-Bike mit 170mm Federweg vorne, 160mm hinten, Sechslenker-Hinterbau-Design und langen Kettenstreben. Taucht man ein bisserl tiefer ein, entpuppt sich das LT als Renngerät mit grundlegend neuem Konzept (Sixfinity) und einer Menge Feintuning-Arbeit.

Beginnen wir ganz von vorn. Seit Jahren ist Yeti mit seinem Switch Infinity gut gefahren. Die Radln mit den zwei kleinen Kashima-Röhrchen am Drehpunkt waren einzigartig und schnell. Bereits 2016 setzte man sich in Colorado allerdings schon hin und begann über ein neues Konzept zu sinnieren. Einer der Denkanstoss-Gründe: Switch Infinity passte schwer in ein E-Bike.

Recht bald hatte man die Fährte in Richtung Sechslenker-Design aufgenommen. Das hatte den Vorteile, keine baulichen Einschränkungen zu besitzen und, wie sich herausstellte, den noch viel größeren Benefit, Herr über die drei wesentlichen Paramater der Fahrwerkskinematik zu sein: Beschleunigung, Bremsen und Helbeverhältnisse.

Exkurs Sixfinity

Bei diesem Sechslenker-Design zählen als Hebel das vordere Rahmendreieck, die Sitzstrebe, die Kettenstrebe und die drei Links: Rocker, Timing und Switch Link. Der obere Rocker Link steuert den Dämpfer. Der lange, fast vertikale Timing Link rotiert um den Drehpunkt des Rocker Link und bestimmt die Bewegungsrichtung des Switch Link. Letzterer sorgt je nach Ausrichtung für Unterstützung beim Pedalieren oder beim Wurzelschlucken: Bewegt er sich nach oben, ist der Anti-Squat-Wert hoch, bewegt er sich nach unten, fällt der Wert ab. Das Sixfinity-Konzept erlaubt es den Yeti-Konstrukteuren die Anti-Squat- und Anti-Rise-Kennlinien fast nach Belieben zu tunen und für alle Rahmengrößen und Einsatzzwecke passend abzustimmen.

Als man sich sicher war, dass das Sixfinity wirklich alle Vorteile ohne nennenswerte Nachteile brachte, setzte man es in den ersten E-Bikes der Marke (LTe und MTe), sowie im Downhiller (dort weniger offensichtlich) um. Es lag auf der Hand, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das System auch Eingang ins Enduro-Bike findet. Wie gut Sixfinity funktionieren dürfte, sieht man daran, dass das EDR-Team schon seit Val di Fassa (lange vor dem Launch) unterwegs ist.

Wenn man schon mal dabei ist ein komplett neues Konzept auf die Beine zu stellen, kann man auch gleich andere Sachen der Geometrie-Tabelle ausprobieren. Unter allen Spielereien stellten sich an den Prototypen lange Kettenstreben als ein Punkt heraus, der dem übergeordneten Ziel – ein richtig schnelles Fahrrad – richtig zuträglich sein könnte. Das Yeti LT schaut schon im Stand recht schnell aus.

Beim Radl und auch bei der Präsentation des Bikes in Brixen, bei den Gesprächen mit den Köpfen hinter dem Bike, hatte man ständig das Gefühl, dass man weit weg vom Kampf „wird das Konzept überhaupt funktionieren“, sondern sehr in der Materie „Feintuning“ war. Alles wirkt geschliffen und durchdacht. Das gilt nicht nur für die Funktionsweise vom Hinterbau, sondern auch für Kleinigkeiten wie den AirTag-/Tile-Tracker-Halter innerhalb vom Unterrohrschutz oder den Deckel vom Rahmen-Kofferraum, der mit einem CNC-gefrästen Mechanismus haptisch klar macht, wann er sicher verschlossen ist und obendrein verkehrt herum montiert werden kann, damit der Flaschenhalter zwei mögliche Positionen hat.


Geometrie

Wie eingangs erwähnt ist Yeti bei der Entwicklung seines neuesten Enduro-Geschosses draufgekommen, dass längere Kettenstreben für eine bessere Balance zwischen Vorder- und Hinterrad sorgen und damit für mehr Geschwindigkeit. Der Hinterbau wächst übrigens über die Rahmengrößen hinweg mit, ergo auch der Radstand. Zusätzlich kann man beides noch mittels +10mm Ausfallenden verlängern. Maximal ergibt sich so in Größe Large ein Radstand von 1.340mm und 475mm Kettenstrebenlänge. Im Vergleich dazu ist bspw. ein Pivot Firebird auch in der längsten Einstellung um einiges kürzer (1.280 / 443mm).

Neben den längeren Ausfallenden gibt’s noch andere Verstellmöglichkeiten am Yeti LT. Zwei Flip Chips um von Full-29 auf ein MX-Setup zu wechseln, beispielsweise. Der erste Flip Chip ermöglicht wirklich nur die Umrüstung auf Mullet, ohne in die Geometrie einzugreifen. Der zweite flacht den Lenkwinkel um 0,5° auf 63,5° ab.

Einen weiteren Flip Chip gibt’s noch am Radl. Nämlich an der unteren Dämpferaufnahmen. Mit ihm lässt sich die Fahrwerks-Progression zwischen 15, 20 und 25% justieren, ohne dabei die Werte für Anti-Squat, Anti-Rise oder Geometrie zu verändern. An dieser Stelle sei gesagt, dass Yeti für jedes Modell einen hausintern entwickelten Dämpfer-Tune verwendet.

YETI LT Geometrie

Preis & Leistung

Stevie Schneider scherzt seit seinem Wechsel zu Yeti nicht umsonst, dass er jetzt unter die Zahnärzte gegangen ist. Das Yeti LT gibt’s in vier Ausstattungsvarianten und die günstigste (genannt „90“) beginnt bei € 7.400,-. Oben aus ist die Spanne beim „X0“ mit € 10.900,-, was in Anbetracht des Marktes und einer kompletten Fox Factory-Adjustierung mit SRAM X0 AXS-Antrieb wieder gar nicht so arg ist. In jedem Fall bekommt man ein sehr fein aussehendes, feingetuntes Radl einer Kult-Marke, zu dem eigentlich jeder positive Assoziationen hat. Und obendrei ist es noch sauschnell.


In Bewegung

„Das ist vielleicht das schnellste Radl auf dem ich je gesessen bin“, denke ich mir auf den Wegerl rund um die Plose bei Brixen. Bei der ersten Ausfahrt im Wolkenbruch schob ich die unerwartet vorhandene Traktion noch gänzlich auf die Reifen (erstes Mal für mich seit Jahren auf Schwalbe). Alles schwamm, nur das Fahrrad nicht.

Der nächste Tag lieferte dann viel mehr Trails und perfekte Verhältnisse. Die Vertiefung der Erfahrung führte zur Erkenntnisse, dass die Reifen wohl ihren Beitrag leisten, aber das ganze Radl ein Grip-Wunder ist. Aha-Moment war eine Anaconda-dicke Wurzel am Kurveneingang, die sich zuerst gut im Gebüsch und hinter meinem Vordermann versteckte und mich dann siegessicher rindenlos anglänzte. Ich sah mein Schicksal besiegelt. Eine Sekunde später saß ich noch immer am Radl und das LT tat so, als wär nichts gewesen. Hätt ich nich nocht einmal zurückgeschaut, wär ich mir sicher gewesen, dass ich mit einer Trailfräse geradewegs durch die Baumader gepflügt wäre.

YETI LT Brixen Plose Loamer
Hält die Spur.

Was nach Bügelmaschine, aber auch Flowtrail-Spaßkiller klingt, entpuppt sich im Bikepark beim Palmschoß als trotzdem genügend poppiges Gerät, dass auch Abzieher auf der Jumpline kein Kraftakt sind. Wie man beides unter einen Hut bringt, ist für mich ein Rätsel. So als wär ein Flubber manchmal ein Gummiball, aber nur wenn’s drauf ankommt.

Bremsen kann man mit dem LT eigentlich wann man will. Selbst wenn man erst im Wurzelfeld in der Kurve draufkommt. Die Bremstraktion verdient das Wort „phänomenal“. Bei den gemeinsamen Runs mit Stevie Schneider haben wir uns zwei aber sowieso meistens gefragt, warum wir überhaupt bremsen. Irgendwie kein Wunder, wenn das Radl für Richie Rude und Slawomir Lukas ik gemacht ist.

Lang ist das Radl allemal. Da lügt die Geometrie-Tabelle nicht. Noch dazu wenn man’s, wie ich, mit den +10mm Ausfallende fährt. Es fühlt sich aber nicht ungut an. Ein bisserl gewöhnungsbedürftig vielleicht. Manuals gehen auf kürzeren Radln sicher leichter. Um enge Kurven (von denen hatten wir ein paar) geht das LT trotz der Länge fein.

YETI LT Brixen Plose Kurve
Mit engen Kurven hat das LT trotz der Länge kein Problem.

Spannend bei solchen Enduro-Waffen wird’s meist bei der Pedalierbarkeit. Die aktuelle Riege der EDR-Fahrer*innen ist so fit, dass sie jeden Koloss den Berg rauf wuchten – und wenn’s 2.500 Höhenmeter bei 30 Grad an der ligurischen Küste sind. Für Normalos schaut die Welt ein bisserl anders aus. Ich hab mir für einen ordentlichen Eindruck die Shuttle-Fahrt gespart und bin auf Asphalt hinauf zum Bacher getreten und kann berichten: Gibt man ordentlich Pedal-Input, fühlt es sich an, als hätte man den Climb-Switch am Dämpfer umgelegt. Selbst im Wiegetritt rauscht das LT nicht durch den Federweg, sondern bleibt recht hoch. Als tretfreudigstes Radl würde ich es zwar nicht beschreiben, aber in Anbetracht der Abfahrtskapazitäten ist die Bergauf-Performance mehr als ordentlich.

YETI LT Brixen Plose Uphill
Geht für eine Enduro-Waffe überraschend gut bergauf.

Wer will mich?

YETI LT Brixen Plose Trail

Enduro-Racer, die auf der Suche nach maximaler Traktion und Geschwindigkeit sind und Fans einer Kult-Marke, die sich bis heute auf das konzentriert, wofür sie geschaffen wurde – Mountainbikes – und obendrein ein hochpotentes Fahrrad wollen.


Yeti LT MJ 2027

Preisvon € 5.400,- (Frameset inkl. Ausfallenden, Flip Chips & Kofferraumtasche) bis € 10.900,-
Federweg170mm vorne & 160mm hinten
Laufräder29 Zoll oder Mullet
RahmenmaterialCarbon
Gewichtab 15,617 kg
Garantielebenslang (Rahmen)
Gleiche Liga:Pivot Firebird, Specialized Enduro, Trek Slash, Santa Cruz Megatower
Über den Author

Christoph Berger-Schauer

Dicke Schlappen, schmale Reifen, bergauf, bergab – ist für alles zu begeistern, nur flach darf es nicht sein. Unbekehrbarer Fahrrad-Afficionado, seit einiger Zeit vom Enduro-Virus befallen. Schreibt nieder, was andere nicht in Worte fassen können.

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