Fotos: Alexander Ziegler – www.noe-foto.at
Schlanker Stahlrahmen trifft auf moderne Enduro-Geometrie: Das Starling Murmur überrascht mit Agilität und Laufruhe. Im Praxistest zeigt sich, was das ungewöhnliche Bike wirklich kann.
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Zurück zum Ursprung
30 Jahre später zurück nach 1996. Vor genau 30 Jahren bin ich von einem Stahlrahmen-Mountainbike auf den damals neuen, leichten Werkstoff Aluminium umgestiegen. Stahl schien damit fürs Erste Geschichte zu sein. Nie hätte ich gedacht, dass ausgerechnet dieses Material Jahrzehnte später wieder ein Comeback feiern würde. Nun, genau 30 Jahre später, durfte ich das Starling Murmur 14 Tage lang auf Gedeih und Verderb testen. Hat Stahl im modernen Mountainbiken tatsächlich wieder eine Daseinsberechtigung? Nach diesen zwei Wochen lautet meine Antwort klar: ja.
Im Stand
Starling bietet ausschließlich Rahmensets und keine Kompletträder an. Deshalb verzichte ich auf eine klassische Bewertung der einzelnen Komponenten. Das Testbike war jedoch folgendermaßen aufgebaut:
- Federgabel: Manitou Mezzer Air, 160 mm
- Dämpfer: PUSH Industries SV8 Coil
- Schaltung: SRAM Eagle 90 T-Type
- Bremsanlage: Hayes Dominion
- Laufräder: Reynolds 29er
- Reifen: Kenda Double Black Trail
- Kurbel: Fraezen
- Dropper Post: OneUp


Bevor es auf den Trail geht, aber noch eine Anmerkung am Rande: Mit meinen 1,92 Metern liege ich deutlich außerhalb der von Starling vorgesehenen Größenrange des L-Rahmens. Laut Größentabelle wäre ich bereits am oberen Ende des XL angekommen. Die folgenden Fahreindrücke sind deshalb mit etwas Vorsicht auf andere Fahrer übertragbar. Warum ich das Bike trotzdem unbedingt testen wollte, ist schnell erklärt: Ich fahre sowohl ein Enduro- als auch ein Trailbike und schätze die unterschiedlichen Charaktere beider Konzepte. Das Murmur liegt geometrisch irgendwo dazwischen – und genau diese Kombination machte das Rad für mich besonders interessant.
Bergauf
Bergauf macht das Murmur, unabhängig des tatsächlich doch recht hohen Gewichts von ca. 17,1kg, überraschend viel Spaß. Der Hinterbau wirkt auch ohne gesperrten Dämpfer ausgesprochen ruhig und wippt nur wenig.
In Verbindung mit dem steilen Sitzwinkel entsteht ein direkter Vortrieb, der das Bike effizient nach oben bringt. Das kurze Oberrohr sorgt für eine auffallend aufrechte Sitzposition. Bereits am ersten Testtag standen rund 1.500 Höhenmeter auf dem Tacho. Sicherlich spielte dabei die Neugier auf das neue Bike eine Rolle. Noch entscheidender war aber, wie unkompliziert die Höhenmeter von der Hand gingen. Wer bergauf gerne schnell wieder am Traileinstieg steht, wird mit dem Murmur jedenfalls seine Freude haben.
Bergab
Früher galt für mich: Größer, länger, geiler. Mittlerweile hat sich diese Einstellung etwas verändert. Agile und verspielte Bikes haben ihren ganz eigenen Reiz – und das Murmur verbindet diese Eigenschaften überraschend gut mit der Stabilität eines potenten, downhill-lastigen Enduro Bikes. Trotz Coil-Dämpfer lässt sich das Bike mit etwas Körpereinsatz erstaunlich flink durch enge Kurven dirigieren. Es fühlt sich dabei weniger nach schwerem Enduro und mehr nach einer agilen Katze an, die von einer Kurve in die nächste springt. Auf Wurzelteppichen bleibt das Murmur ruhig, hält die Linie und vermittelt dabei viel Grip. Steile Passagen und Drops nimmt es gelassen und spurstabil.

Ich bin zugegebenermaßen kein großer Jumpline-Fahrer. Auf den kleineren Lines – beispielsweise der Mini Line auf der Petzen – fühlte ich mich mit dem Murmur trotzdem jederzeit sicher. Die Mischung aus Agilität und Laufruhe ergibt sich dabei vor allem aus den gegensätzlichen Geometriemerkmalen: Das relativ kurze Oberrohr bringt den Fahrer direkt über den Lenker und in eine aktive, aggressive Position. Der lange Radstand sorgt gleichzeitig für Ruhe wenn es schneller wird. Für mich war das gerade in triallastigen Sektionen ein großer Vorteil. Das Hinterrad lässt sich präzise versetzen und das Bike reagiert direkt auf Körpereinsatz. Ein kleiner Wermutstropfen: Das Bike auf den Hinterreifen zu bekommen fiel mir mit diesem Setup eher schwer.
Die ersten Testfahrten fanden im Trailpark Jamnica statt – quasi auf dem Terrain, auf dem sich der Charakter eines Trailbikes besonders gut herausarbeiten lässt. Rote wie schwarze Lines liegen dem Murmur. Enge, schnelle Richtungswechsel gehören klar zu seinen Stärken. Kurze, ruppige Passagen werden souverän verarbeitet. Besonders interessant ist der Wechsel zwischen unterschiedlichen Trailcharakteren. Wird aus einer engen, schnellen Sektion plötzlich eine steile Passage, lässt sich die Position auf dem Bike dank des kurzen Oberrohrs sehr schnell verändern. Genau dort beginnt das Murmur richtig Spaß zu machen. Am zweiten Tag ging es auf die Petzen, hauptsächlich auf den EWS Trail. Hier zeigte sich, dass die Agilität nicht zulasten der Geschwindigkeit geht. Steile, mit Drops gespickte Abschnitte lagen dem Bike ebenso wie flachere und kurvenreiche Passagen.


Das Murmur bleibt dabei angenehm neutral und lässt sich aktiv fahren, ohne permanent Aufmerksamkeit einzufordern. Bei den zahlreichen steilen Drops lohnt es dennoch, aufmerksam zu bleiben – grobe Fehler verzeiht es nicht. Auch auf den Lines beim Easy-Loop-Schlepplift funktionierte die Kombination aus Wendigkeit und Laufruhe hervorragend. Auf Jumpline und Singletrail entsteht ein spielerischer Flow, der schnell süchtig macht. Weitere Testtage wurden noch auf dem Anninger sowie den Wexl Trails absolviert. Hier konnten die bereits gesammelten Eindrücke weiter verifiziert werden. Mit jeder Abfahrt vertiefte sich die Beziehung mit dem Murmur. Obwohl ich mich bereits am ersten Tag nach der ersten Abfahrt extrem wohl fühlte. Dass dabei sogar ein paar neue persönliche Strava-Bestzeiten heraussprangen, hat mich selbst am meisten überrascht. Weitere Reviere stehen noch aus – das Murmur dürfte jedenfalls genügend Gründe liefern, es noch einmal auf die Reise mitzunehmen.
Fazit
Das Starling Murmur schafft etwas, das nur wenige Bikes schaffen: Es weckt Erinnerungen und fühlt sich gleichzeitig überhaupt nicht nostalgisch an. Die geraden Linien, die puristische Formsprache und vor allem der filigrane Hinterbau erinnern an eine Zeit, in der Mountainbikes noch deutlich weniger komplex aussahen. Fahrtechnisch ist das Murmur jedoch eindeutig im Hier und Jetzt angekommen. Bergauf effizient, bergab verspielt und schnell, dabei mit ausreichend Laufruhe für ruppige und steile Passagen. Besonders die Kombination aus kurzem Oberrohr und langem Radstand verleiht dem Bike seinen eigenständigen Charakter. Mit meinen 1,92 Metern wäre ein XL vermutlich die naheliegendere Größenwahl. Trotzdem hat gerade das von mir gefahrene Setup eine spannende Mischung aus Trailbike und Enduro erzeugt. Und genau diese Mischung hat mir ausgesprochen gut gefallen.

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