Schnelle Augen

Michael PfuisiLesestoff

Schnelle Augen- Augentraining

Die Augen sind das Tor zur Welt – und anscheinend auch ein unterschätzter Aspekt im Sport. Augentraining gehört im Spitzensport längst zum Alltag. Doch welchen Unterschied macht es für den ambitionierten Amateurradlfahrer?


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Die Radlszene ist ein optimierungsfreudiger Verein. Vom perfekten Fahrwerk über Bremsbelag-Fanatismus bis hin zu Reifendruck-Philosophie wird alles bis aufs letzte Prozenterl Performance durchgekaut. Und doch hört die Optimierung bei den meisten irgendwo beim eigenen Körper auf. Fitness wird eh durchs Radln selbst trainiert, ein paar Intervalle da, ein bisschen kraftln dort – passt scho.

Dass im eigenen Kadaver jedoch mehr Potenzial schlummert als in jedem Material-Upgrade, weiß eigentlich eh jeder – wird nur gern ignoriert. Mich persönlich würd ich aber nicht ganz in diese Schublade stecken. Als ambitionierter Enduro-Fahrer schau ich schon darauf, dass die Fitness nicht der limitierende Faktor ist, das Radl funktioniert, der Reifendruck stimmt und auch regelmäßige Einheiten im Fitti am Plan stehen.

Klingt zunächst so, als hätt ich alle Hakerl auf der Racer-To-do-Liste gesetzt. Also ab in die Stage: Kurven sauber gefahren, g‘scheite Kompression sauber weggedrückt, bergauf brav die Watt getreten – und dann im schnellen Waldstück plötzlich gradaus ins Gedachs, weil das Auge mit dem Tempo nicht ganz mitgekommen ist.

Und genau da setzt Neuro-Athletiktraining an, genauer gesagt Augentraining. Viele haben’s noch nicht am Schirm, für andere esoterischer Hokuspokus, im Profi-Sport aber längst Gang und Gebe. Wer genau hinschaut, sieht’s bei Rennen ständig, prominentestes Beispiel dafür sind die beiden Daumen ausgestreckt vor dem Gesicht.

Um das oben beschriebene Szenario tunlichst zu vermeiden, hab ich einen Tag mit Markus Pammer vom NeuSehLand-Institut in Graz und Gleisdorf verbracht. Erst in der Praxis, dann am Trail.

Enduro Weltcup Val di Fassa 2026 Michi Pfuisi Titans
Für eine smarte Linienwahl sind schnelle Augen das A und O. -Foto: Hanna Schmid

Doch bevor es mit dem eigentlichen Programm, dem Augentraining losging, gab es einen Fitness Check-Up. Denn ein erfolgreiches Neuro-Athletiktraining setzt eine gewisse Grundfitness voraus. Dieser Teil war für mich bisserl eine Überraschung und dass ich die Sportsachen überhaupt mit hatte purer Zufall – dazu später aber mehr. Die Praxis in Graz bezieht Markus nicht allein, sondern mit Dr. Radosav Djukić von Spartamedic, Sportmediziner und international gefragter Spitzensportwissenschaftler. Bereits am Weg zu seinem Büro lacht er von zahlreichen Bildern gemeinsam mit Größen wie Novak Djokovic, Thomas Muster oder Hermann Maier. Ahnung hat er also…

Nach einem kurzen Kennenlernen und Gespräch im Büro geht’s in den Testraum. Laufband, Radl, Liege und ein Haufen medizinische Geräte und Monitore prägen den Raum. Den Anfang macht die Liege, denn bevor der Leistungstest losging, wird überprüft ob ich denn überhaupt dazu bereit bin. Dazu musste ich mich für circa 10 Minuten still hinlegen, während über Maske, EKG und co. mein Körper abgemessen wurde. Die Zeit verging wie im Flug und das Ergebnis: 28% Leistungsfähigkeit. Normalerweise würde man mit so einem Wert sofort wieder heimgeschickt werden. Schnell stellte sich dann heraus, dass ich nicht einfach ein Kadaver bin, sondern mehrere Faktoren da g’scheit reingespielt haben. Zum einen war es Montagmorgen, die beiden Tage davor bin ich bei einem Endurorennen an den Start gegangen, was ordentlich Kraft gezogen hat und dass es zu Frühstück davor nur einen Kaffee mit einer halben Semmel gab, hat es auch net besser gemacht. Wie gesagt – dass eine Leistungsdiagnostik am Plan steht, war mir eine halbe Stunde davor noch nicht bekannt.

Und auch dem Wort „Leistung“ in „Leistungstest“ wurde ich an dem Tag nicht ganz gerecht.

Ausnahmsweise durfte ich dann aber doch noch aufs Rad und den Stufentest runter- oder besser gesagt raufradln. Zum einen war ich höchstmotiviert die 28% mit Watt auszugleichen, zum anderen schüchterten die Geschichten, die er währenddessen über die Grundlagenleistung vom Herminator erzählte, wieder brutal ein. Am Ende konnte Willensstärke die Datenausgangslage aber nicht besiegen und ich musste weit vor meiner angepeilten Stufe den Ausschalter betätigen. Die genaue Datenauswertung sollte erst die kommenden Tage kommen, vor Ort wurde mir aber gesagt, dass sie verwundert waren, dass man mit einer so schlechten Ausgangslage noch so lange durchgehalten hat und Potential ohne Frage da wäre. Konjunktiv halt.

Fix und Fertig beim Ausradln nach dem Stufentest.

Damit war der körperlich anstrengende Part des Tages vorbei und eigentliche Teil beginnt – das Augentraining. Hier übernimmt wieder Markus. Auch hier starteten wir mit einem Check-Up. Der kommt zum Ergebnis, dass ich grundsätzlich eh recht brav sehe – eine gute Ausgangslage für das was kommt. Dann startet der praktische Teil mit noch simplen Seh-, Reflex- und Stabilitätsübungen. Was man sofort bemerkt: Das System wird schneller als gesamtes. Zu diesem Zeitpunkt war es mir aber noch unklar, ob das nicht auch der Kaffee direkt davor gewesen sein hätte können. Die Übungen sind allesamt so aufgebaut, dass man entweder versucht, die periphere Sicht zu erweitern, die Augen schneller zu machen oder dem Gehirn absichtlich weniger Informationen zukommen lassen. Absolutes Highlight war für mich die Stroboskop-Brille, die fünfmal die Sekunde komplett verdunkelt. So muss das Gehirn aus weniger verfügbaren Bildern ein stimmiges Gesamtbild machen – das ist anfangs sehr ungewohnt, man adaptiert sich aber auch richtig schnell daran. Nach dem Abnehmen der Glasl gehen die doch recht simplen Übungen wie beispielsweise einbeinig Bälle fangen überraschenderweise deutlich leichter von der Hand.

Zuerst ein Check ob ich eh so gut seh, wie ich davor behauptet habe – laut Markus eindeutig Ja!

Nach 2 Stunden war das Trockentraining vorbei und es ging raus auf den Trail. Es soll mich ja schließlich besser und im Optimalfall schneller am Radl machen. Dafür herhalten musste ein kurzes Trailstück in der neuen Trailarea Gleisdorf. Der Charakter der Wegerl dort ist flach, schmal und ungute Kurverl, bei denen Blickführung das A und O sind, gibt’s genug. Genau das was wir brauchen.

Nach ein paar kurzen Runden zum Einfahren und sich mit den Bedingungen und Trails bekannt zu machen, ist auch schon wieder die Brille zum Einsatz gekommen. Die ersten Versuche damit waren ehrlicherweise ziemlich grindig. Ich bin überhaupt nicht damit klargekommen, wie wenig man vom Boden mitkriegt. Dabei war ich so überfordert, dass ich die Kurven anfangs geradeaus gefahren bin. Vielleicht also doch ein bisserl langsamer fahren und sich mit den wenigen Infos vertraut machen.

Der verzwickte Blick ist der Brille geschuldet, die im Gegensatz zu normalen Glasln die Sicht verschlechtert.

Wie schon davor auch, gewöhnt man sich dann doch relativ zackig daran. Sobald dieser Punkt gekommen ist war es auch wieder soweit und die Brille konnte weg. Der erste Run ohne war gefühlt in Zeitlupe. Alles war deutliche langsamer. Die Strecke wirkte entschleunigt, die Augen bekamen mehr Infos, das Gehirn sortierte schneller. Oder in anderen Worten:

Schnell fühlte sich langsamer an

Und natürlich hört sich das bis hierhin ein bisserl zu einfach an, einen Haken gibt’s aber: Dieser Effekt vergeht so schnell er gekommen ist auch wieder. Eine echte Anpassung braucht Regelmäßigkeit. Laut Markus reichen schon 15 bis 20 Minuten, mehrmals pro Woche, um das System nachhaltig umzuprogrammieren. Jetzt heißt’s für mich dranbleiben und schauen, ob sich aus dem „Wow-Effekt“ über die Saison ein echter Vorteil basteln lässt. Und vielleicht ist es ja genau das, was vielen noch fehlt: Nicht das nächste Gadget am Radl– sondern ein Upgrade zwischen den Ohren.

Übungen für daheim hab ich über den Sommer nun genug. Ob’s sich was bringt, werden wir im Herbst erfahren.

Über den Author

Michael Pfuisi

Noch recht frisch in der Bike-Szene, aber schon vollkommen von diesem Enduro-Virus befallen. Das zeigt seine Trailpartie-Süchtelei inkl. Prolog-Erfolgen. Die Grazer Trails sind sein Heimrevier, das er immer öfter für Stages mit Zeitnehmung verlässt.

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