Fescher Gockel

Christoph Berger-SchauerMaterial

Ein Sommer mit dem Rossignol Heretic 2025 – vom Wienerwald bis in die Pyrenäen.


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Rossignol Heretic – MJ 2025

Preis€ 3.300,- bis € 6.200,-
Federweg170mm vorne, 165mm hinten
Laufräder29 Zoll
RahmenmaterialAlu
Gewicht16,5 kg
Garantie5 Jahre (Rahmen)
Gleiche LigaCommencal META SX V5, Trek Slash 9, Rocky Mountain Altitude Alloy, Transition Spire Alloy, Radon Swoop AL

2024 stand Rossignol als Aussteller am GlemmRide, 2025 nicht. Umgekehrt wäre besser gewesen.

Die Erfahrung mit den Testrädern von Rossignol 2024 auch Hacklberg Trail & Co kann man am besten mit „lustig“ beschreiben. Und das ist nicht gelogen. Wir hüpften durch die Gegend und hatten eine Gaudi. Wirklich am Puls der Zeit waren die Radln aber nicht.

Schade, dass Rossignol 2025 nicht am GlemmRide mit einem Stand vertreten war. Das 2025er Heretic ist nämlich von einem ganz anderen Schlag. Das sagt auch Rossignol selbst. Es ist der erste vom Ski-Giganten selbstentwickelte Rahmen. In ihm stecken drei Jahre Hirnschmalz. Das merkt man auch – nicht nur im Verlgeich zum Vorgänger.

Bikes of GlemmRide Christoph Berger-Schauer Rossignol Heretic
Zumindest ein Rossignol war 2025 am GlemmRide.
Foto: Benjamin Hofmann

Heretic V2

Das Rossignol Heretic 2025 ist ein modernes Enduro und so schaut es auch aus. 170mm Federweg an der Front, 165mm am Heck, komplett auf 29 Zoll Rädern unterwegs (Es ließe sich auch als Mullet fahren). Die Franzosen setzen bei ihrer Rahmen-Erstentwicklung komplett auf Alu, 6061 Legierung (recyclebar, wie sie betonen), hydrogeformt und 3,2 kg schwer. Schon im Stand schaut das Radl extrem solide und – was ist nochmal das deutsche Wort für „capable“? – aus. Nicht nur wegen dem Alu-Rahmen, sondern auch wegen der großen Lager. Der Eindruck sollte nicht täuschen. Mehr dazu später.

Der 100% Alu-Ansatz ist rar in der Bike-Industrie, aber erfrischend. Bei den Gewichten, die Enduro-Radl heutzutage auf die Wage bringen, stellt sich ohnehin die Carbon-Sinnfrage. Mit 16,5 kg ohne Pedale trifft das Heretic ziemlich den Zeitgeist. Erfrischend ist auch die Preisgestaltung bei Rossignol. Drei Ausstattungsvarianten gab’s zum Launch, mittlerweile sind’s vier. Das teuerste Modell, die von uns ausgeführte GX T-Type-Version gipfelt bei € 6.200,- inkl. FOX Factory-Fahrwerk, SRAM AXS Transmission und SRAM Maven Bronze-Bremsen. Das Einstiegsmodell (Deore 12) kostet mit € 3.300,- fast die Hälfte und kombiniert recht solide und sinnvoll Marzocchi-Fahrwerk mit Deore-Antrieb und-Bremsen. Die goldene Mitte ist die SLX-Variante um € 4.700,- mit – no-na – SLX-Antrieb und -Bremsen sowie FOX Performance-Fahrwerk. Seit ein paar Monaten gibt’s ein Rossignol Super Heretic 2025 im Design der 7S-Ski von 1992 (Achtung: Viele passende Retro-Produkte findet man dazu verlockenderweise im Rossignol Shop). Das verfügt über einen RockShox Vivid Coil Dämpfer, eine FOX 38 Factory, Continental Kryptotal Reifen, SRAM GX-Antrieb und Shimano XT-Bremsen für das gleiche Geld, wie die Top-Version. Ziemlich fairer Deal, würden wir meinen.


Erster Eindruck

Den ersten Pluspunkt heimst das Heretic ein, bevor wir es überhaupt zu Gesicht bekommen. Rossignol schickt sein Enduro-Bike in einer der durchdachtesten Verpackungen der Radgeschichte. Das gesamte Paket kommt – bis auf zwei Plastik-Drehverschlüsse – komplett mit Karton aus und kann wiederverwendet werden. Chapeau!

Der erste Gedanke beim Anblick des Radls: Was für eine geile Farbe! Das haben uns nicht nur wir gedacht, sondern so ziemlich jeder, der das Rossignol gesehen hat. Es springt ins Aug‘ und man würde sich wohl trotzdem davon nicht so schnell abschauen.

Geile Farbe, geile Aussicht. Das Heretic in den Pyrenäen.

Das Testrad war nicht neu, als es bei uns eintrudelte. Die Gebrauchspuren beschränkten sich optisch auf leichten Lackabrieb an der rechten hinteren Kettenstrebe. Wahrscheinlich von einer X-Haxn-Verse verursacht. Bis auf ein paar kleine Steinschläge sollte da unsererseits bis zum Ende auch nichts dazukommen. Spricht für die Qualität vom Heretic. Das Fahrwerk dürfte allerdings nicht das frischeste gewesen sein – mehr dazu gleich.

Vor der ersten Ausfahrt bauten wir Antrieb und Bremsen auf die neue Shimano XTR um, weil wir sie gründlich testen wollten. Details dazu gibt’s in einem separaten Aritkel, aber das Kurzfazit lautet „herrlich unauffällig“.

Am Gummischutz des Tretlagers ist ein Platzerl für ein Multitool vorgsehen. Unser Test-Heretic kam aus Zeitgründen ohne dem Werkzeug, das acht Bits und einen Reifenheber beherbergt. Mangels passender Alternativen (der Platz ist sehr kompakt, umso erstaunlicher, dass Rossignol ein Multitool unterbringt) führten wir einen einzigen Reifenheber mit, der nicht mal fixiert werden musste, da er so formschön reinpasste. Fun Fact: Der einzelne Reifenheber wurde sogar einmal zum Daysaver, als wir damit die gebrochene Schuhsole eines Kollegens in die richtige Position zurückhebelten.

Ab Werk sind auf den DT Swiss E1900 Laufrädern Maxxis Assegai (vorne) und Minion DHR II (hinten) in EXO+ montiert. Nach dem ersten Trailpark-Besuch und einem Patschen wich der Hinterreifen einem massiveren Kenda Pinner Pro AGC. Damit war patschentechnisch dann Ruhe.

Soweit das Setup. Weiter zum wirklich Wichtgen: den Fahreindrücken.

Der Run zum ersten und einzigen Patschen.

Palmarés

Dinge, die wir mit dem Rossignol Heretic angestellt haben:


Die Saison am „Rosenkohl“

Es ist Anfang Juli und wir schwingen uns das erste Mal auf’s Rossignol Heretic 2025. Irgendwie wohnt einem neuen Radl die Energie inne, dass man sofort für eine Runde drehen mag. Beim Rossignol wird das nochmal um zwei Faktoren verstärkt. Die Farbe allein animiniert schon. Außerdem gibt’s da eine gewisse Neugier herauszufinden, wie sich der Ski-Riese Rossignol im Enduro-Sektor schlägt.

Er schlägt sich gut. Das lässt sich volley nach den ersten Metern sagen. Das Heretic liegt vom Start weg super in der Hand. Es fühlt sich auf der kürzeren Seite an (Medium bei 1,74m Körpergröße) und ist kein Fliegengewicht. Das Bike fährt sich richtig verspielt, geht flott um Kurven – dank seiner Kürze auch um enge. Im Vergleich zu einem Specialized Stumpjumper in Größe S3 fühlt sich das Heretic deutlich weniger lang an, deshalb noch weniger ein Schiff (wirft man einen Blick in die Geometrie-Tabelle, dann sagen die Zahlen etwas anderes). Das Plus an Wendigkeit merkt man an etwas weniger Spurstabilität. Das Radl knickt am Kurvenein- bzw. -ausgang leichter ein. Das ließ sich mit etwas Eingewöhnung und Anitizaption allerdings kompensieren und am Ende zum Vorteil bei richtig asozialen Ecken nutzen.

Vermutlich dank seines Gewichts und einer guten Balance, fliegt das Heretic wunderschön kontrolliert. Flowlines, Jumplines und Singletrails – da blüht der Gockelhahn aus den französischen Alpen komplett auf.

Andorra eingenommen mit dem Heretic!

Was uns leider nie wirklich gelungen ist: Das Heretic auf unruhigen Passagen satt und laufruhig zu bekommen. Das verspielte Setup für die oben genannten Trail-Charaktere funktionierte hervorragend, auf ruppigem Terrain hüpfte das Bike allerdings viel. Stellte man es satter ein, befand man sich (zu) tief im Federweg. Skurrilerweise meistert das Rossignol Heretic den Parkplatz-Test „aufheben und fallen lassen“ satt und leise wie ein World Rally Car Sprünge in Finnland. Die Vermutung liegt nahe, dass der letzte Service der Federelemente schon länger her war oder ein Teil defekt. Denn, dass das Rossignol Heretic richtig satt liegen kann, zeigt die schnelle Enduro-Racerin Morgane Jonnier oder der Test der Pinkbike-Kollegen („From day one, I’ve enjoyed pushing this bike into burly terrain and sending sizeable hits“, konstatiert der Matt Beer). Weil wir keine wertvolle Zeit am Radl verlieren wollten, fanden wir uns damit ab und stellten den Fahrstil auf Wurzl-Hüpfen statt Durchpflügen um. Funktionierte dank des leichten Handlings erstaunlich gut.

16,5 kg ohne Pedale – also fahrbereit um die 17 Kilo – lassen unter jeder Lycra-Haut die Haare zu Berge stehen. In der Enduro-Welt ist so ein Gewicht heutzutage normal. Hat seine Vorteile beim Bergabfahren. Aber bergauf? Man merkt’s dem Rossignol erstaunlicherweise nicht an. Es pedalliert sich hervorragend. Selbst richtig steile Rampen (vom Bikepark Geißkopf zu den Enduro Stages am Einödriegel, zum Beispiel) meistert es souverän. Selbst wenn man sich wenig um den „Firm“-Hebel am Dämpfer schert, so wie wir. Nur wenn man auf 2.800 Metern Seehöhe in einem 35°-Schotterhang jeden Schritt zwei mal machen muss und das Bike am Rücken hat, wünscht man sich ein leichteres Vehikel. Aber wie oft kommt das schon vor…

Über den Sommer haben wir das Rossignol wirklich in den unterschiedlichsten Bedingungen und Terrrains bewegt. Feierabend-Runden auf Trails, Bike- und Trailpark-Einsätze, ausgiebige Touren in den Pyrenäen, Wegerl bei unterschiedlichstem Wetter in der Toskana und mit dem Enter Ensman sogar ein kurzes Downhill-Rennen. Außer dreimal waschen und fünfmal Ketten ölen erfuhr es keine Pflege. Scheint es auch nicht zu brauchen. Nachdem der EXO+ Hinterreifen getauscht war, lief alles klaglos. Die DT Swiss E1900 Laufräder hielten trotz schonungslosem Draufhalten. Die Burgtec-Griffe sind ein Tipp für ohne-Handschuh-Fahrer. Einzig die Sattelstütze könnte länger sein. Die zieht man bei normaler Körpergröße schon recht weit raus. Den Flip Chip ließen wir die ganze Zeit über in der höheren „Flow“ Stellung, einfach weil’s keine Notwendigkeit für ein aggressiveres, tieferes Setup gab.

Es ist Anfang November. Der schönste aller Herbsttage. Gemona del Friuli glänzt ganz golden. Die Trails sind in perfektem Zustand. Unsere letzte Ausfahrt mit dem „Rosenkohl“, wie wir das Heretic liebevoll nennen und sinnbildlich dafür, was für ein vielseitiger Begleiter es war, zu welch grandiosen Plätzen es uns geführt hat. Merci.

Kitsche Momente mit dem Rossignol.

Fazit

Gutaussehend, potent und (preislich) attraktiv. Das Rossignol Heretic 2025 macht sehr vieles richtig und wirkt darüber hinaus auch noch haltbar und solide. Das (gefühlt) kurze Rad, gepaart mit 29er Laufrädern und dem etwas höheren Gewicht, ist ein verdammt gut harmonierendes Paket.

Foto: Markus Frühmann
Über den Author

Christoph Berger-Schauer

Dicke Schlappen, schmale Reifen, bergauf, bergab – ist für alles zu begeistern, nur flach darf es nicht sein. Unbekehrbarer Fahrrad-Afficionado, seit einiger Zeit vom Enduro-Virus befallen. Schreibt nieder, was andere nicht in Worte fassen können.

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