Fotos: Pivot Cycles
Eins mehr als 10. Das beschreibt das Pivot Shuttle AMP’d mit neuem Avinox-Motor perfekt.
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Wenn man über die Saiten einer Gitarre streicht, kommt je nach Akkord ein gewisser Sound raus. Wenn Lemmy Kilmister, Jimi Hendrix oder Slash die Saiten einer Gitarre berühren, kommt ein ganz anderer Sound raus. Aber allen fehlt noch etwas, sie wollen mehr. Sie wollen bei gefühlvollen Interludes einen gut dosierbaren, kristallklaren Sound. Dann plötzlich, ohne Vorwarnung, muss der Sound durch die Decke gehen, ihr Signature Riff muss kreischen, die Power Chords röhren und eine Orchestrade an Gewalt in Klangform loslassen. Die Gitarre kann noch so gut sein, sie braucht aber tatkräftige Unterstützung, um dem gerecht zu werden. Sie braucht einen Verstärker, auf Englisch „amplifier“. Und Insider, die schon einmal einen der älteren Marshall-Verstärker in der Hand gehabt haben, wissen, dass der nicht von 1 bis 10, sondern bis 11 geht.
Pivot Shuttle AMP’d MY 2026
| Preis | € 9.699,- bis € 13.999,- |
| Motorsystem | Avinox M2S mit bis zu 130Nm, im Boostmodus 150Nm und 800Wh Akku |
| Federweg | 160mm vorne / 150mm hinten |
| Laufräder | Mullet (auch als Full-29er möglich außer bei XS) |
| Rahmenmaterial | Carbon |
| Gewicht | ca. 21,5kg |
| Garantie | lebenslang (Rahmen + Rahmenlager) |
| Gleiche Liga | Mondraker Zendit, Commencal Meta Power SX Avinox |

Weil 11 einfach lauter ist als 10!
Wer die Brücke noch immer nicht verstanden hat, soll sich mal den Namen des neuen Elektrorosses von Pivot anschauen oder noch besser, laut aussprechen. Das Shuttle AMP’d (von amped, oder amplified, auf Deutsch „verstärkt“) ist so potent, dass 10 nicht mehr reicht, it goes to 11. Das ist vor allem seinem Herzstück, dem neuen Motor von Avinox zu verdanken, aber dazu später mehr.
Weil man ein Bike fühlen soll, statt sich von Zahlen am Papier zu Annahmen bringen zu lassen, lud Pivot ins sonnige Vinschgau. Als Einstimmung und Gewöhnung drehten wir zuerst eine ergiebige Runde mit den LTs, den mit Bosch elektrifizierten Enduro-Racemaschinen, die Anfang des Jahres schon released worden sind. Trails raufklettern, Trails runterballern, Challenges suchen, manche schaffen, manche wohl zu steil für E-Mountainbikes. Dann die Präsentation. Eins mehr als 10 also. Original aus dem 1984 erschienenem Film „The Spinal Tap“, nun verwendet in der AMP’d Marketing-Kampagne. Danach auf die gleichen Trails und plötzlich macht der Slogan Sinn. Die ersten 20 Minuten bergauf denke ich, ich hätte Radfahren verlernt. Doch dann begreife ich, dass ich keine normale Gitarre mehr spiele, sondern einen Verstärker unter mir habe, der auf 11 aufgedreht ist. Als mir der Knopf aufgeht, eröffnet sich eine andere Welt. Die vermeintlich unschaffbaren Schlüsselstellen überrolle ich, Stufen, die ich vorher schleppend erklomm, double ich rauf. Bergab bügelt das nagelneue Fahrwerk von RockShox alles butterweich weg und ich finde mich in einem Rausch wieder. Als hätte ich gerade direkt vor ihm stehend, ein Solo von Slash live miterlebt. Aber wo ordnet sich dieses Biest von Rad in die imposante Flotte von Pivot ein und für wen ist es gemacht?

Zur Einordnung
Die Shuttle Familie von Pivot bestand bis dato aus dem ultra-leichten SL mit Fazua Motor, gefolgt vom leichten SL/AM mit Bosch SX, dem Full-Power Allrounder AM mit Bosch CX, getoppt vom Firebird-Äquivalent LT. Das AMP’d reiht sich von der Geometrie her zwischen AM und LT ein. Während das LT als pures Enduro-Renngerät (170/162mm) alles wegbügelt und das AM als Allrounder (160/150mm) ein klassisches Trailbike ist, kommt das AMP’d als Bad Boy im Line Up mit Irokesen daher. Die Daten mit 160/150mm wirken zwar gleich wie beim AM, die Geometrie ist aber slacker und aggressiver, jedoch nicht so stark, wie am LT. Das AMP’d lässt sich am besten als Bike mit Racer-Genen für den Everyday-Rider beschreiben. Dieser Everyday-Rider sollte aber zuerst im Eco-Mode in die Pedale treten, denn mit dem neuen M2S von Avinox boostet sich das Shuttle über ziemlich alles, was derzeit am Markt ist! Und hier kommen wir schon zum Herzstück, dem neuen Motor.


Stärker, als alles bisher
130 Nm, 1.300 Watt, im Boost sogar 150 Nm für 60 Sekunden! Kurz gesagt, wer zum ersten Mal draufsitzt und gleich auf höhere Stufen schaltet, liegt schon beim Ausparken am Hintern. Zu viel? Für manche sicher. Aber ich möchte keinen Diskurs über E-Bike-Reglements vom Zaun brechen, ich möchte erzählen, was mir persönlich am Bike aufgefallen ist. Als 90 kg Bär plus Ausrüstung kann ich noch so viel in die Pedale treten, ich bekomme ein Drittel weniger Leistung als ein 60 kg schwerer Fahrer. Mein erster Gedanke war „es ist wunderschön, endlich auch einmal Leistung zu spüren“. Mein zweiter Gedanke war, wie brutal der Motor mit 60 kg Körpergewicht schieben muss.
Tatsächlich eröffnet der Motor bergauf eine neue Disziplin. Mit bergauf meine ich technische Trails, die ich im hohen Pulsbereich, zwischen Traktionssuche und Kipppunkt des Rads bezwinge. Klar ist es einfach super, wenn das Bike auf der Straße 25 statt 17 km/h den Berg hochfährt, aber dafür nutze ich persönlich das E-Bike nicht. Wie schnell ich am Trailhead bin, ist mir egal. Mir geht’s drum, wie geil das Hinkommen ist. Geil machen das die brachialen Daten des neuen Motors, aber auch die feine Abstimmung. Gleich wie ein gefühlvolles, kristallklares Zwischenspiel von Jimi Hendrix, nimmt sich der Motor zurück, wenn man ihn behutsam tritt. Legst du die Watt aufs Pedal, ertönt ein kreischendes Solo und die Stollen des Hinterreifens büßen all ihre Sünden ab, während dich das Rad den Weg hinauf befördert. Bergauf doublen is a thing!


Es gibt auch ein paar Details, die das Gesamtkonzept so fein machen: Die Traktionskontrolle, die man nicht spürt, anscheinend aber fleißig hilft. SmoothShift nimmt kurz während des Schaltvorgangs ein wenig Schub von der Kette, was bei der Leistung echt Sinn macht und nicht stört. Außerdem ermöglicht es einem während des Rollens ohne Treten den Gang zu wechseln. Einmal dran gewöhnt, will man es nicht mehr missen. Noch cooler für mich als Kletterliebhaber, der öfter im schweren Gelände zum Stehen kommt: Einfach Hinterrad aufheben, schalten und der Motor treibt selbstständig das Rad an, um den Gang zu wechseln. Beides ist nur in Kombination mit elektronischen Schaltungen möglich und genau deswegen kommen alle Builds bei Pivot mit ebendieser.
Wortwörtlich ins Auge sticht das OLED-Display am Oberrohr, das trotz Staubschicht und flacher Sonneneinstrahlung kristallklar leuchtet und gut bedienbar ist. Tatsächlich braucht man am Trail nicht einmal sein Handy herausnehmen, denn alle Einstellungen lassen sich direkt am Rad vornehmen. Außerdem findet man dort einen USB-C Port für Kamera, Handy und Co.. Avinox bietet übrigens auch eine Lampe an, die mit dem Bike kompatibel ist, als wäre sie angeboren. Diese muss man allerdings extra kaufen.


Bergab
Das AMP’d ist eines der ersten Räder, das auf den neuen Fahrwerkskomponenten von RockShox tapst. Dieses Wort wähle ich bewusst, denn so ein feines Ansprechverhalten mit gleichzeitig agilem Handling sieht man sonst nur bei Katzen. Die überarbeitete Zeb bietet nun genügend Midstroke Support und wenn man sich einmal gewöhnt hat etwas tiefer im Federweg zu stehen, wird man mit einem butterweichen Fahrwerk, welches trotzdem schnell anspricht und zum aktiven Fahren einlädt, belohnt. Am neuen SuperDeluxe Ultimate werkte ich nicht einmal herum und vergaß sogar ganze drei Tage lang den Dämpfer bergauf zu sperren.

Das liegt aber auch am DW-Link, den Pivot an all seinen Rädern verbaut. Kurz gesagt kümmert er sich darum, dass die Antriebskraft nicht in den Dämpfer, sondern in den Boden fließt. Das macht das AMP’d zu einem sehr agilen Bike, das dich wie ein Kätzchen links und rechts am Trail die verspielteste Line suchen lässt, gleiches gilt bergauf. Durch die Auslegung des Hinterbaus hebt die Kette das Rad beim Beschleunigen aus dem Federweg, was das Ansprechverhalten auf ruppigen Bergauf-Passagen ziemlich direkt macht. Der gleiche Effekt wandelt auch jegliche Energie aus Motor und Pedalen in direkten Vortrieb um. Wer ein eher satteres Fahrgefühl sucht, bei dem das Hinterrad plump dem Boden folgt, dem wird das Pivot wohl zu aktiv sein. Die Techniker von Pivot sind jedenfalls sehr penibel, was die Kennlinien ihres Hinterbaus angeht und wem die Charakteristik der Amis generell gefällt, wird auch hier sehr glücklich werden. In enger Zusammenarbeit mit den Fahrwerkspezialisten wurden Geometrie und Innenleben des Fahrwerks abgestimmt, dass ein lebhaftes, agiles und freudiges Bike entsteht, das nahezu keine Grenzen kennt. Bergauf, als auch bergab.

Viiiel zu teuer, oder?
Der erste Punkt, der bei Pivot kritisiert wird, ist das altbekannte Laster, der Preis. Sieht man genauer hin, relativiert sich das. Pivots Konstrukteure pochen nämlich darauf, dass ALLEN Fahrern und Fahrerinnen das perfekte Bike zusteht. Und jenes perfekte Bike hat nun mal je nach Größe eine andere, separat entwickelte Rahmenkonstruktion. Auch das Carbon-Layering ist von Größe zu Größe unterschiedlich, damit die gleichen Flexwerte trotz anderer Hebel und Fahrergewichte erreicht werden.
Zusätzlich ist das AMP’d zum Zeitpunkt des Release das einzige Full-Power Bike am Markt, welches auch in XS erhältlich ist. Ausgeliefert wird das AMP’d als Mullet, durch den Flip-Chip lässt sich aber problemlos ein 29er Hinterrad einbauen, ohne die Geometrie zu beeinflussen. Die beiden teureren Builds „Team“ und „Pro“ werden sogar mit dem Fast-Charger ausgeliefert, der in 90 Minuten von 0 auf 75 % lädt und in drei Stunden auf 100 %. Alle Modelle kommen außerdem mit dem Topmodell M2S von Avinox, sowie mit elektronischer Schaltung, damit diese beiden Komponenten kommunizieren können. Pivot ist es wichtig, dass das Gesamtkonzept vom Schaltvorgang bis zur Überstandshöhe, von der Trinkflasche bis zum Display passt.
Fazit
So wie unsere Großeltern einst hinnehmen mussten, dass neben den Klängen ihrer vertrauten akustischen Gitarren plötzlich auch die der E-Gitarren aus dem Radio tönten, müssen wir gerade hinnehmen, wie E-Bikes anrollen und das klassische Mountainbiken überdrehen. Das AMP’d ist eines der Bikes, die mit Devil Horns und Irokesen daherbrettern, die Stollen noch warm vom letzen Climb, den wir vor kurzem noch nicht einmal runtergefahren sind. Es wird für einige too much sein, es wird für weitere Diskussionen sorgen und es wird auch viele sehr sehr glücklich machen. Zum Glück darf jeder selbst entscheiden, ob er einen Verstärker braucht oder nicht. Ich hab meinen jedenfalls auf 11 aufgedreht!
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