Macht Freeride ein Comeback?

Toby ReinprechtMaterial

Foto: Markus Wessig

Das Ghost POACHA – getestet auf Spins, Whips, Tricks und Trails von den Bike-Akrobaten Toby Reinprecht und Eric Seifried.


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Bevor die zwei Herren ihre Eindrücke schildern, müssen wir eine Frage klären: Um was für ein Radl geht’s eigentlich? Was Ghost im Frühjahr 2025 da vorstellte, tanzte definitiv aus der Reihe. Ein Freerider mit Carbonrahmen. Das POACHA ist definitiv ein mutiger Schritt. Es ist ein kompromisslos modern-gedachtes Freeride-Bike. Minimum 180mm Federweg. Mullet. Barspin-fähig, aber mit Doppelbrückengabel-Freigabe.

Ghost POACHA – MJ 2025

Preis€ 5.199,- bis € 8.000,-
Federweg180-200mm vorne / 180-190mm hinten
LaufräderMullet
RahmenmaterialCarbon
Gewichtca. 18 kg
Garantie3 Jahre (Rahmen)
Gleiche LigaRocky Mountain Slayer, Rose Scrub, Specialized Status, Commencal Clash, Canyon Torque, Propain Spindrift
Foto: Johannes Bitter

Mit dem neuen POACHA bringt Ghost eine ganz neue Dynamik ins eigene Line-up und wagt sich also klar in Richtung Freeride. 180mm Federweg, massiver Carbonrahmen und eine kompromisslose Ausstattung lassen bereits im Stand erahnen, wohin die Reise geht. Toby Reinprecht und Eric Seifried wetzten eine Saison lang mit dem Ghost POACHA über alpine Trails, heizten über Enduro-Stages und flippten bei Freeride Jams um das Bike auf Herz und Nieren zu testen. Geschont wurde es dabei definitiv nicht.

Das Ghost Poacha wird in drei Ausstattungsvarianten angeboten: POACHA, POACHA Pro und POACHA Full Party. Getestet wurde das Topmodell POACHA Full Party, ausgestattet mit einer RockShox ZEB Ultimate an der Front, dem Vivid Ultimate Air am Heck, SRAM Maven Bremsen sowie GX Eagle Transmission und DT Swiss FR1500 Laufrädern. Eine Kombination, die klar auf maximale Performance und Haltbarkeit ausgelegt ist.


Toby Reinprecht’s Verdikt

Ich kann das Bike mit nur einem Wort beschreiben: Freeride.“

Mit seinen 180 mm Federweg fährt sich das POACHA wie ein kompaktes Downhill-Bike – allerdings deutlich verspielter und einfacher in Kurven zu drücken. Landungen in Wurzel- oder Steinfeldern fühlen sich sehr souverän an, ohne jemals den Eindruck zu vermitteln, am Limit zu sein. Dabei war ich sehr begeistert vom neuen RockShox Vivid Ultimate mit dem Hydraulic Bottom Out. Mit dieser Funktion konnte ich den Dämpfer so einstellen, dass er trotz voller Kompression nicht durchschlägt.

Das Mullet-Setup sorgt für viel Stabilität, gerade in schnellen oder brenzligen Situationen. Die SRAM Maven Bremsen liefern dabei mehr als genug Power, um jederzeit Kontrolle über die Geschwindigkeit zu behalten.

Auf flacheren Trails zeigte sich jedoch auch die Kehrseite der Medaille: Das Bike benötigt mehr Input, um Geschwindigkeit mitzunehmen und wirkt insgesamt etwas träge. Mit knapp 18 kg zählt das POACHA zu den schwereren, kurbelbaren Bike-Vertretern – entsprechend ist es definitiv keine erste Wahl für lange Uphills.

Nichtsdestotrotz: Tricks, Whips und Spins machen mit dem POACHA extrem viel Spaß. Mein persönliches Fazit: 7-Gang-Schaltung, versenkbare Sattelstütze raus und vielleicht sogar eine Doppelbrückengabel mit 27,5″-Vorderrad – und das POACHA wird zur ultimativen Freeride- und Bikepark-Maschine.


Eric Seifried’s Verdikt

Eric auf dem POACHA bei der Trailpartie am Josiberg.
Foto: Patrick Wasshuber

Dass das POACHA kein Leichtgewicht ist, steht außer Frage. Dennoch lässt es sich auf technischen Uphills überraschend gut kontrollieren – auch wenn es klar nicht für diesen Einsatzbereich gebaut wurde. Getestet habe ich das Bike unter anderem bei der Trailpartie am Josiberg, wo vor allem das Fahrwerk einen sehr positiven Eindruck hinterließ.

Trotz fehlender Lockout-Funktion am Vivid Ultimate Air war kein störendes Wippen des Hinterbaus spürbar. Gerade in längeren Anstiegen ist das ein klarer Pluspunkt und sorgt für ein effizienteres Fahrgefühl als erwartet.

Bergab gilt ganz klar: Je steiler und ruppiger der Trail, desto mehr blüht das POACHA auf. Schläge, Wurzeln und Steinfelder werden souverän geschluckt, ohne dass das Bike unruhig wirkt. Im Gegenteil – man fühlt sich extrem sicher und gut aufgehoben, selbst bei hoher Geschwindigkeit.

Besonders überzeugt hat mich der Carbonrahmen. Er zeigt nahezu keinen Flex, was ich persönlich sehr schätze. Viele aktuelle Enduro- (und Downhill-)Bikes sparen so viel Gewicht ein, dass die Steifigkeit darunter leidet – beim POACHA ist das definitiv nicht der Fall. Der Rahmen wirkt extrem robust, beinahe unzerstörbar, und lässt auf eine hohe Langlebigkeit schließen. Ohne Schmarrn: Dieser Freeride-Rahmen weckt in mir mehr Vertrauen, als jener vieler Downhill-Bikes.

Überraschend war auch die Passform: Mit meinen 198 cm Körpergröße hätte ich eigentlich zu Größe XL greifen müssen, doch Rahmengröße L passte wie angegossen. Das Bike fühlte sich keineswegs zu klein an, eher sogar noch auf der großen Seite. Für Tricks wie 360s, Flatspins, Flips oder Superman-Indys hätte ich mir teilweise sogar eine Rahmengröße kleiner gewünscht.

Auf dem Compound von C-DOG (Clemens Kaudela) zeigte das POACHA dann endgültig, was in ihm steckt – es fühlte sich an, als gäbe es in Sachen Airtime kaum Grenzen.

Abschließend vermittelte das POACHA, wie nah moderne Freeride-Bikes mittlerweile an klassische Downhill-Bikes herangerückt sind – sowohl preislich als auch leistungsmäßig. Wer ausschließlich das Maximum im Bikepark herausholen möchte, könnte ebenso gut über ein reines Downhill-Bike nachdenken. Das Poacha punktet hingegen mit seiner Vielseitigkeit, die genau zwischen diesen Welten liegt.

Spannend wäre daher die Frage, ob Ghost zukünftig einen Release mit Doppelbrückengabel oder sogar eine reine DH-Variante auf Basis desselben Rahmens plant – ein Konzept, das man bei anderen Herstellern bereits mehrfach gesehen hat und hier sicherlich hervorragend funktionieren würde.


Für wen ist das Ghost POACHA gemacht?

Wer seine Wochenenden in Bikeparks wie Schladming, Kalnica oder auf den Wexl Trails verbringt, findet im POACHA den perfekten Spielgefährten. Auf ruppigen Trails bietet es mit seinen großzügigen Federwegsreserven und Geometrie deutlich mehr Sicherheit als viele herkömmliche Enduro-Bikes.

Klar ist jedoch: Das POACHA ist ein Bike für Rider, die den Großteil ihrer Zeit – rund 80 Prozent – im Bikepark verbringen. Die 12-fach-Schaltung dient dabei eher als Absicherung, falls man doch einmal gezwungen ist, ein paar Meter bergauf zu kurbeln, um den nächsten Traileinstieg zu erreichen.

Das perfekte POACHA-Einsatzgebiet wär, wenn man zu jenen Glücklichen gehört, deren Hometrails so fordernd sind, dass sie fast schon ein Downhill-Bike verlangen – jedoch nur mit eigener Muskelkraft erreichbar sind. Irgendwie kommt mir dabei immer der Marco Haderer in den Kopf.

Wurscht ob Flip, Spin oder Superman-Indy – das POACHA macht alles mit.
Foto: Stefan Wallner
Über den Author

Toby Reinprecht

Trick-Maschine aus der Nähe von Graz. Mit dem Fahrrad am liebsten in der Luft unterwegs.

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