Everesting mit dem E-Bike am kürzesten Tag des Jahres ist mehr Challenge, als man meinen mag.
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8.848 Höhenmeter an einem Tag mit dem E-Bike zu fahren, das klingt recht machbar. Am kürzesten Tag des Jahres? Knackiger, hört sich aber nicht allzu wild an. Ist es aber, wie wir festgestellt haben.
Als mir Flo seine Idee gezwitschert hat, hab ich sofort meine Teilnahme zugesagt. Ich mag solche Missionen. Dass es eine recht knackige Mission werden wird, ist uns in der Vorbereitung Stück für Stück gedämmert.
Augen auf bei der Streckenwahl
Wem Everesting kein Begriff ist, kurz zur Erklärung: Man bewältigt einen Anstieg so lange, bis man 8.848 Höhenmeter – also die Höhe vom Mount Everest – beisammen hat. Von Vornherein war für uns klar, dass wir das Everesting mit Trailabfahrt machen. Was anderes stand nicht mal zur Diskussion. Wir fanden’s auch wichtig, dass es auf einem Trail stattfindet, der am 21. Dezember (dem kürzesten Tag des Jahres) offiziell befahrbar ist. Wer unseren Überblick der Winter-Bike-Destinationen kennt, der weiß: die Wintersperre schränkt die Auswahl ordentlich ein.
Zweites Auswahlkriterium: eine ordentlich steile Strecke, damit man die Höhenmeter im kleinen Tageslicht-Zeitfenster auch unterbringt. Vor allem bergauf ist steil gut, denn dann glänzt das E-Bike richtig.
Wir spielten uns gegenseitig Optionen zu, Flo checkte Strava-Bestzeiten und dann kalkulierten wir durch. Der geeignetste Ort für unser Unterfangen erschien uns vom Computer aus als der Mucki-Trail am Muckenkogel bei Lilienfeld, Niederösterreich. Die wenigsten wissen wahrscheinlich, dass es auf diesem Berg einen Trail gibt und auch wir steuerten ihn für einen Locationcheck am 10. Dezember (11 Tage vor dem Happening) zum ersten Mal an. Genau eine Runde ging sich nach der Arbeit aus, dann wurde es finster. Aber wir hatten genug gesehen um folgendes festzustellen:
- Die Infrastruktur ist super. Da der Einser-Sessellift am Muckenkogel im Winter nicht in Betrieb ist, konnten wir die Talstation als Box und Ladestation verwenden.
- Die Auffahrt ist quasi perfekt. Zuerst Asphalt-, dann Schotterstraße. Teilweise recht steil, wenig Flachpassagen.
- In einem Durchgang schnappt man 700+ Höhenmeter. Wir müssen die Runde also nicht 76 Mal fahren.
- Der Mucki-Trail ist super – nur vielleicht für ein Everesting nicht ganz die erste Wahl. Der obere Teil ist richtig flach. Auf der Almwiese macht man 1,4 Kilometer, baut aber nur 99 Höhenmeter ab. Unten wird er um einiges steiler, dafür aber auch knackiger, was sich negativ auf die Durchschnittsgeschwindigkeit auswirkt.
Fazit unseres Testruns: 700 Höhenmeter in einer Runde die 40 Minuten dauert. Davon brauchen wir 12,64 Runden. Am 21. Dezember liegen Sonnenauf- und untergang 8 Stunden und 21 Minuten auseinander. Ergo gehen sich 12,525 Runden aus.
Eine kleine Diskrepanz, die wir in unserer Vorfreude als „machbar“ verklärten.
Das Setup wurde uns von Bosch eBike Systems zur Verfügung stellt: Zwei KTM Macina Kapoho Exonic Di2 E-Bikes mit Performance Line CX-R Motor, der neuen Shimano XTR Di2 mit eShift und elektronischem Fox Fahrwerk. Jeder von uns bekam drei 800 Wh-Akkus. Full-Power E-Bike, Race-Motor und drei Akkus mit der größten Reichweite im Sortiment – was sollte da noch schiefgehen?
Sonntag, 21.12., 5.40 Uhr
In der U-Bahn sitz ich um die Zeit wie ein Außerirdischer. Komplett gerüstet für ein Everesting zwischen gut angeduselten oder leicht dösenden Partyheimkehrern. Flo hat um die Zeit gefrühstückt. Ich merk‘ ich hab Vorbereitungs-Aufholbedarf. An der Muckenkogel-Talstation hat’s -2 °C. Wir bauen flott unser Setup auf. Das Lifthäusl wird Ladestation und Labe. Nehmen wir lieber das Gilet für die erste Runde, denk ich mir. Es sollte an dem Tag nicht mehr ausgezogen werden. In der Auffahrt tauchen wir in die Hochnebeldecke ein und ich verfluche mich, nicht meine warmen Handschuhe angezogen zu haben. Um 7.45 Uhr – Sonnenaufgang – starten wir oben in den Trail. Das ist unser Ansatz, die gegen uns sprechende Runden-Licht-Kalkulation auszutricksen.


9.05 Uhr
Zwei Runden sind absolviert. Unten ist es richtig kalt. In der Mitte noch kälter. Dafür sind wir oben aus dem Nebel raus und es ist wunderschön. Wir hoffen, dass die Sonne den Nebel noch wegbrennt. Die Bedingungen am Mucki-Trail sind ideal. Es knirscht und überall ist Grip da. Könnte sein, dass sich das noch ändert.
Unsere Taktik ist zuerst zwei Runden mit jedem Akku zu fahren, bevor wir auf eine 1-Runden-Strategie umstellen müssen. Dadurch, dass wir einmal in zwei Runden mit 60 km/h an der Labestation vorbeiblasen können, wollen wir Zeit reinholen. Ernüchternder Realitätscheck: Heiße 3 Minuten haben wir bis zum ersten Akkuwechsel auf die kalkulierten 80 Minuten (1 Runde = 40 min) reingefahren. Und die verbrauchen wir mit Akkuwechsel und Essen fassen.
10.25 Uhr
Zweiter Akkutausch. „Ist das zach!“ entfährt es Flo bei der Einfahrt in die Boxengasse aka Lifthäusl. Er hat damit absolut recht. Nicht, dass wir dachten, dass es ein Zuckerschlecken wird… In den ersten zwei Stunden und 40 Minuten ist einiges passiert. Ich hab in Runde 2 die Holzrampe über den Zaun im oberen Teil überschossen und wär fast auf der Forststraße eingebombt. Flo hat den ersten (und am Ende einzigen) Sturz hingelegt: Bergauf auf der Asphaltstraße, weil’s im Nebel komplett eisig war.
12.00 Uhr
Halbzeit. Das ist die beste Nachricht des Tages! Nach sechs Runden liegen wir mit 4455 Höhenmeter über dem Plan. Zu unserer großen Freude haben wir übersehen, dass wir am Weg runter dank einem kurzen Uphill nochmal rund 40 Höhenmeter machen. Wir kommen also mit 12 Runden aus und brauchen keine 0,64 dranhängen.
Man merkt, dass die Hektik ein bisserl abfällt, wir uns eine Spur mehr Zeit nehmen und uns sogar zu der Aussage hinreissen lassen: „Wir liegen gut in der Zeit.“
13.15 Uhr
Unglaublich was da am Muckenkogel los ist! Nebeneinanderfahren im Uphill ist kaum möglich, ständig wollen Autos rauf oder runter. Der Parkplatz am Schranken ist übervoll. Auf der Forststraße spielen freundlich, aber bestimmt Fußgänger-Slalom. Wahnsinn, wie viele dem Spektakel des E-Bike Everestings live beiwohnen wollen.
Kleinen Aufmunterungen bekommen wir immer wieder: „Es wievielte Mal fahrt’s schon?“, „Seid’s ihr die, die heute 12 Mal fahren.“ Unserem strengen Zeitplan sei Dank, haben wir keine Zeit für Smalltalk mit unseren Fans. Dieser Ruf eilt uns klasserweise voraus: „Euch darf man nicht aufhalten, hamma gehört, alles Gute!“
13.40 Uhr
Zahlen lügen nicht. Und sie sagen: Flo dürfte schwere Knochen haben. Pro Auffahrt verbraucht er ein paar Prozent mehr Akku als ich, obwohl er fast 30 Watt mehr Eigenleistung auf die Pedale bringt. Absolut fair, wie ich finde. Er ist nämlich der Fittere.
Püntklich zum Eintreffen der Wiener Light E-Bike Schickeria, ist der Trail unten richtig schmierig geworden. Die steilen, 180-Grad-Kurven sind jetzt eine halbwegs kontrollierte Rutschpartie. Oben hingegen staubt’s. Ich bin mittlerweile ein Fan vom Extended Boost geworden. Ein Pedalkick und es katapultiert einen aus den Kurven raus. Ein Pocket Coffee rettet mich aus meiner Nachmittagsletargie und ich kann mich mit Flo wieder sinnvoll unterhalten.


14.30 Uhr
Ich hab meine Ernährung mittlerweile komplett auf süß umgestellt. Während’s anfangs noch Weckerl in Alufolie, Erdnüsse und Karotten waren, bin ich jetzt bei Schokokeksen und noch mehr Pocket Coffees angelangt. Flo ernährt sich, glaub ich, flüssig. Essen seh ich ihn quasi nie.
Die Wiener Light E-Bike Schickeria sonnt sich am Traileinstieg. Vor uns liegen die letzten drei Abfahrten. Schnell nochmal hochgerechnet und festgestellt: Oha, das wird eine knappe Kiste. Auf auf und tschüß.
15.20 Uhr
Der Nebel hat sich nie gelichtet. Jedes Mal zur Hälfte des Anstiegs tauchen wir in ein Kälteloch ein, in dem alles wunderschön weiß ist. Für’s Handschuhwechseln war ich zu faul. Meine Finger sind deshalb bereits zehn Mal erfroren und wieder aufgetaut – und sie werden das weitere zwei Mal tun.
Am Muckenkogel wird’s wieder ruhig. Der Berg leert sich. Die Fans wollen sich das Drama offenbar nicht bis zum Schluss anschauen. Von den wenigen verbliebenen ernten wir dafür immer intensivere Blicke und Kommentare: „Na bumm, die schauen aus.“ Spiegel haben wir keinen mit, können aber erahnen, wieviel Erde wir mittlerweile vom Muckenkogel abgetragen haben.
16.06 Uhr
Wie sehr gesegnet wir mit dem Race Mode des Bosch Motors bisher waren, merkt Flo als sein Akkustand unter 20% sinkt. Er kämpft sich mit noch mehr eigenen Watt das letzte Mal zum Traileinstieg. 4% verbleiben. Rund um uns orange gefärbte Hügel überm Nebelmeer. Der Garmin zeigt 8.894 Höhenmeter. Einmal noch runterfahren, dann ist unsere Mission erledigt.
Auch mit 0% Akku funktioniert übrigens die Shimano XTR Di2, wenn sie am Hauptakku hängt. Das hat Flo für uns alle getestet. Bei mir sind’s an der Talstation heiße 5%. Das Tageslicht ist offiziell aufgebraucht. Eine Punktlandung. Jetzt noch Umziehen, Radlwaschen und Nahrung fassen. Den kürzesten Tag des Jahres voll ausgenutzt.


Die GPS-Aufzeichnung vom E-Bike Everesting
Facts
- Laut GPS waren’s 173 km, laut Strava 180, laut E-Bike sogar knapp 200.
- Die längste Pause waren 8 Minuten, als uns der nette Herr vom Lift erklärte, wo wir uns danach umziehen und aufwärmen können.
- Ich bin noch nie so viel im Sitzen bergab gefahren. #FullEbikeMode
- Acht Mal haben wir Akkus getauscht und in der Zwischenzeit wieder geladen.
- Auch abseits von einem E-Bike Everesting ist der Mucki-Trail zu empfehlen.
- Drei Akkus hört sich viel an, ist aber gerade genug.
- Die Bosch Performance Line CX-R ist im Race Mode richtig stark, irgendwann wird man aber trotz E-Bike in den Beinen müde und tritt nicht mehr exakt 25 km/h bergauf. Das sollte man für’s nächste Mal in die Planung einkalkulieren.
- 18,6 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit über 9:18 Stunden.
- Selbst nach 8 Stunden kann man noch bessere Linien am Trail finden.
Vielen Dank an dieser Stelle an Florian für die Idee zu dieser irren Mission. Ein riesengroßes Dankeschön an Bosch eBike Systems, die uns mit Bikes, Race-Motoren und dem Akku-Arrangement ausgestattet haben. Und herzlichen Dank an Georg Biber, dem Shaper des Mucki-Trails, der Stadtgemeinde Lilienfeld und den Mitarbeitern des Muckenkogel-Lifts, die unglaublich nett zu uns waren und unser verrücktes Vorhaben mit (Lade-)Infrastruktur unterstützten.
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