Foto: Johannes Bitter
Enduro ist die wahrscheinlich vielseitigste, und mit Sicherheit eine der beeindruckendsten Disziplinen des Mountainbike-Sports. Sie erlebte immer wieder Ups und Downs, doch im letzten Dreivierteljahr überschlugen sich die Ereignisse und die Berichterstattung. Nachfolgend eine kleine Einordnung, und ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft.
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Was bisher geschah
Es lohnt sich ein kurzer Rückblick in die Historie dieser Disziplin, die sich mittlerweile ins Teenager-Alter hineinbewegt. Nach einigen lokalen Bestrebungen, vor allem in Italien und Frankreich, wurde mit der EWS (Enduro World Series) zum ersten Mal eine weltweite Plattform eingeführt. Von ihren Anfängen 2013 in Punta Ala gab es einen rasanten Aufstieg, viele große Namen wechselten sogar vom Downhill in den aufstrebenden, abenteuerlichen Enduro-Zirkus.
Zwischen 2013 und 2019 fanden pro Saison jeweils 7-8 Rennen statt, auf vier verschiedenen Kontinenten. Insgesamt gab es über diese Zeit 54 Rennen, in 15 verschiedenen Ländern. Es war sowohl als Fahrer, als auch als Fan mega aufregend, spektakuläre Trails und Locations rund um den Globus kennenzulernen. In dieser Zeit gab es pro Saison im Schnitt 4,3 neue Venues. Auch die Berichterstattung war ihrer Zeit voraus. Auf YouTube erschienen hochwertig produzierte Course Previews und 20-minütige Race Coverage Dokumentationen, in einem Format, das man heutzutage vielleicht auf Netflix erwarten würde. Es gab große Factory Teams, und die Bikeindustrie setzte einen beträchtlichen Anteil ihrer Marketingbudgets auf Sichtbarkeit im Enduro Racing, da zu der Zeit unglaublich viele Endurobikes verkauft wurden, und sich die Bikes auch technisch rapide weiterentwickelten.
National entwickelte sich die Sportart ebenfalls rasch weiter. In vielen unserer Nachbarländer sprießten traumhafte nationale Rennserien, wie etwa SloEnduro, Česká Enduro Serie, SuperEnduro, Swiss Enduro Series, Enduro1, TrailTrophy sowie Chili Enduro Series, um eh schon eine Riesenauswahl zu nennen. Bei uns Österreich gab es auch immer wieder super Rennen (ÖMs in Graz, enduro.tirol, Genussenduro Bruck, Burgenland Enduro,…), eine nationale Serie (Trailpartie mal ausgenommen) hat sich aber nie etabliert.

Foto: Friederich Simon Kugi
2020 stellte für das globale Enduro-Geschehen, wie für alles, eine Riesen-Herausforderung dar. Schließlich fanden nach zahlreichen Verschiebungen nur 3 Rennen statt, es wurden keine Gesamtwertungstitel vergeben. Ab 2021 gab es zudem eine weitere Neuerung: Es gab ab 2020 jeweils auch E-EWS Rennen, und viel gravierender, es wurde erstmals zwischen Profis (mit Qualipunkten aus nationalen Rennen) und Amateuren (freie Anmeldung, andere Wertung: EWS100) unterschieden. Davor konnte man sich, wenn man schnell genug war (oft binnen Sekunden ausgebucht – wenn man beim ersten mal die Kreditkartendaten mal falsch abgetippt hat, war man nicht dabei), frei anmelden und neben seinen Idolen auf Weltniveau Rennen fahren.
Den größten Cut gab es 2023, als die EWS unter dem Namen EDR in den UCI MTB World Cup eingegliedert wurde, und somit neben DH und XC als dritte Disziplin dort auftrat. In Sachen Professionalisierung war dies ein großer Schritt nach vorne, die Rennen waren aber vor allem in den ersten beiden Saisonen teilweise lieblos und stiefkindlich behandelt, was Coverage und Sichtbarkeit betraf (z.B.: EDR Leogang mit Mittwoch Practice und Donnerstag Rennen, und sehr fragwürdigen Stage-Startzeiten, außerdem kein Open Race). Der neue Betreiber, der Medien-Großkonzern Warner Brothers Discovery, hatte schlicht seinen Fokus auf DH und XC, und deren Broadcasting-Möglichkeiten. Im Enduro gilt jedoch: Je besser das Rennen, desto schwieriger der Broadcast. Daher fand man anfangs vermehrt „Bikepark-Enduro-Rennen“, die neben ein DH-Rennwochenende hingesetzt wurden, unter den Fahrern und Hardcore-Fans allerdings wenig Begeisterung auslösten. Aber sie waren eben leichter zu organisieren und zu broadcasten.
„Je besser das Rennen, desto schwieriger der Broadcast.“
beschreibt das Kernproblem, warum der Enduro Weltcup unter dem Medienimperium WBD nicht weiter florierte.
Auch was die Auswahl Austragungsorte betrifft, war die Übernahme durch WBD ein Einschnitt. Für neue, kleinere, beherzte Austragungsorte, wie es beispielsweise seinerzeit Petzen–Jamnica war, wurde es finanziell sehr viel schwerer, in einem Wettbewerb gegen die Langzeitverträge mit Destinationen wie Leogang zu bestehen. Die Anforderungen waren groß, und so kam es, dass schließlich nur noch bekannte große Bike-Destinationen in den Alpen (und eben Loudenvielle in den Pyrenäen) die Rennen austrugen. Hier war die Eintrittsbarriere einfach zu hoch, um den lokalen Tourismusverband zu überreden, es einfach „mal zu probieren“.

Das polnische Magazyn Bike hat in ihrem Artikel (Englisch oder Polnisch) beschrieben, warum auch die beliebten Austragungsorte Bielsko-Biala und Szczyrk nicht mehr den Enduro- bzw Downhill-Weltcup austragen. Einerseits sind es die Anforderungen an Infrastruktur, die von WBD deutlich angehoben wurden. Für den gemeinsamen DH- und Enduro-Weltcup ist mit Kosten von ca. 1 Mio. Euro (4 Mio. PLN) pro Jahr zu rechnen, wobei ca 80 % auf DH entfallen. 1,5 Mio Zloty (ca. 350k EUR) davon sind allein die Lizenzgebühr an WBD, der Rest sind Erfordernisse bei der Eventinfrastruktur wie zB TV-Kameraplattformen. Nachdem in Polen nach Neuwahlen die neuen Verantwortlichen im Sportministerium die restlichen Teilzahlungen der Lizenzgebühr an WBD nicht mehr leisteten, ist es unwahrscheinlich, dass es dort in naher Zukunft wieder Rennen geben wird.
Ein reines Enduro Worldcup Event zu organisieren wurde zuletzt auf etwa 500k EUR geschätzt. Im Vergleich dazu: 2018 bei der Erstausgabe der EWS Petzen-Jamnica lag dieser Kostenpunkt bei etwa 100k EUR. Dieser rasante Anstieg der Kosten nach der Übernahme von WBD hat dazu geführt, dass kleine Tourismusdestinationen ohne staatliche Unterstützung aus dem Rennen sind.
Enduro World Cup – Status Quo
Ich hatte selbst die Gelegenheit, 2024 auf Open Race-Niveau und 2025 & 2026 auf World Cup-Niveau an einigen Enduro World Cups, sowie an der Weltmeisterschaft 2025 teilzunehmen, und bin mega dankbar für diese Erfahrung. Ich hatte von Beginn an auch das Gefühl, dass die Verantwortlichen die Verbesserungsvorschläge der Top-Fahrer wie Greg Callaghan ernst nahmen und umzusetzen versuchten. So wurde die Bevorzugung der Teamfahrer gegenüber Privateers, die auf sich allein gestellt sind, mit dem Shuttle-Verbot im Training reduziert, Course Taping wurde vereinheitlicht und die Rückkehr von 2-Day-Racing gab den Rennen wieder eine größere physische Komponente. Ich sah den Talboden Anfang 2025 bereits überwunden.
Auch medial gab es einige coole Neuerungen, z.B. bot die Night Stage in La Thuile ein Spektakel, das stimmungsmäßig einem Wiener Derby kaum was nachsteht. Ebenso waren die Rennen in Bielsko-Biala der Publikumsmagnet schlechthin.
Das Sterben der Werksteams
Die Meldung, dass es 2026 nur noch fünf offizielle Teams gibt, schlug große Wellen. Das ist recht einfach erklärt, und dreierlei Gründen geschuldet:
- Erstens: Marketingbudgets in der Bikeindustrie sind knapp. Rennteams sind enorm teuer.
- Zweitens: Downhill, Rennrad, Gravel & eMTB haben aktuell mehr Reichweite und „Hype“ als Enduro, dazu gibt es mittlerweile viel mehr Möglichkeiten, Budgets z.B. via Influencer-Marketing oder Social Media Ad-Kampagnen zu verteilen, anstatt ein Team aufzustellen, was ja auch aus Markensicht viel weniger Risiko birgt, bei deutlich geringerer Einstiegshürde und optimaler Messbarkeit der Ergebnisse.
- Drittens: Ein Team ist nicht mehr, was es einmal war. Ich habe mir von einem Teamfahrer sagen lassen, dass die Team Fee in Höhe eines niedrigen fünfstelligen Eurobetrages so gut wie nichts beinhalte. Im Gegensatz zur EWS-Ära ist nun in der WBD-Ära weder Standplatzfläche am Race Venue, noch die Startgelder für die Team-Athlet*innen in dem Team-Package inkludiert. Viele teamartige Strukturen sparten eben genau an der Stelle des „offiziellen Team-Status“ ein, und die Fahrer*innen meldeten sich ohne offiziellen Team-Status an.
Was das aber nicht bedeutet: Dass das Level in irgendeiner Weise gesunken ist. Denn: Es gibt so viele Privateers (= Fahrer, die evtl. Industry Support haben, aber aus ihrem eigenen Van heraus leben und selber schrauben), die Top-Ergebnisse einfahren. Einige davon standen sogar am Podium oder konnten gewinnen. Das ist nicht nur mega beeindruckend, sondern unterstreicht auch die Chancengleichheit zwischen Factory Riders und Privateers, die mittlerweile gegeben ist.
Enduro Chronicles, eine recht neue Plattform, hat Zahlen, Daten & Fakten ausgewertet, und unter anderem zu dem Thema wie competitive das Fahrer*innenfeld war und ist. Es wurde festgehalten, dass trotz prominenter Rücktritte und neuer Rising Stars die Leistungsdichte vorne recht gleich blieb, während die Mitte und das Ende des Feldes immer näher rückte.
Die Rolle der Medien
Wer die letzten Monate dem LINES untreu und evtl. auf Pinkbike unterwegs war, hat dort womöglich Headlines wie „What Made You Stop Caring About Enduro?“ gelesen hat, mag den Eindruck gewonnen haben, dass Enduro als Disziplin völlig in die Belanglosigkeit verschwunden wäre. Meldungen wie diese suggerieren, dass Enduro keinen Stellenwert mehr hat. Das mag vielleicht für die offizielle Coverage und den Neuwert der Race Venues gelten, ist aber ein Riesenschaden an all jenen, die den Sport lieben und leben.
Während Pinkbike mit dem Posting mehr Schaden als Nutzen angerichtet hat, gibt es zahlreiche Fahrer*innen wie Tristan Botteram, Jason Boulle, Iag– Garay und viele viele mehr, die dieses Medienvakuum füllen und zeitnah sehr liebevoll produzierte YouTube Berichterstattung hochladen. Um das mal in Perspektive zu setzen: Das ist ungefähr so, wie wenn Marco Odermatt nach seinem Streif-Ritt ein YouTube-Video produzieren würde, um seinen Fans zu zeigen, wer gewonnen hat.
Aber auch allgemein, die Bikemedien und WBD für die Berichterstattung zu verunglimpfen, ist nicht fair. Sowohl WBD mit neuem Presenter Elliot Heap (mit Abstand der beste Enduro Presenter & Hype Man, den der Sport je hatte!), als auch neue Initiativen wie Next Stage machen mittlerweile fantastische Arbeit und bringen neuen Schwung in den Sport.
Der Blick über den Tellerrand
In den Ländern, wo dem Sport eine Plattform geboten wird, sprießt Talent nur so aus dem Boden. Die Dichte der starken Fahrer*innen aus Frankreich (sowieso immer schon!), aber auch aus kleineren Ländern mit starker nationaler Serie wie der Schweiz, Slowenien und Tschechien ist enorm. Dazu ist Deutschland zur Enduro-Hochburg aufgestiegen, bei der WM letztes Jahr in der Aletsch Arena stellten unsere Lieblingsnachbarn die zahlenmäßig größte Equipe.

Die augenöffnendste Erfahrung zum Thema Nachwuchs im Enduro habe ich bislang in Slowenien erlebt. Ein Land, das ungefähr die Bevölkerungsanzahl von Wien hat, bringt mittlerweile rund 300 Teilnehmer*innen zu ihren SloEnduro-Rennen. Wer jetzt denkt, dass die Serie damit jetzt an seinem Peak angelangt ist, dem sei gesagt, dass 2025 bei den sieben Saisonrennen die teilnehmerstärkste Kategorie die U17-M war. Mit durchschnittlich 47 Teilnehmern ließen die Young Guns nicht nur numerisch, sondern auch durch ihre Leistungsdichte in der Overall-Wertung aufhorchen.
Der Blick auf den Teller
„Es ist kompliziert.“
Dieser typisch österreichische Ausspruch beschreibt die Situation der Enduro-Rennen in Österreich recht gut. Vorne weg: Es gab noch nie eine nationale Enduro-Rennserie, was per se für eine Mountainbike-Tourismusnation wie Österreich fast unglaublich ist. Rennfahrer aus anderen Ländern schauen einen nur ungläubig an, wenn sie das hören. Das ist aber eine andere Geschichte, die sich in einem eigenen Beitrag mehr Raum verdient hat.
The Big Bang
19. August 2026: WBD lässt wenige Tage nach dem letzten Enduro-Weltcup in Morillon aufhorchen, dass es 2027 keinen UCI Enduro World Cup geben wird. Unter dem Titel „A new chapter for Enduro“ wird etwas umschiffend formuliert, dass es zukünftig nur noch die jährliche UCI Weltmeisterschaft in den Disziplinen Enduro und E-Enduro geben wird, aber keinen Weltcup. Am besten lest ihr es selbst. Kurz gesagt resümieren sie über die Erfolge von 4 Jahren Enduro unter WBD und „entlassen“ die Disziplin in die Freiheit, die sie braucht, um sich weiterzuentwickeln.
Natürlich folgte daraufhin Aufruhr in der Enduro-Community, die in ihrer Existenz sicherlich bedroht war. Schnell bildeten sich zwei Lager. Erstens, jene, die in Schockstarre verfielen, und zweitens, jene, die unglaublich viel Zuversicht ausstrahlten, dass der Wegfall des Weltcups keine Lücke hinterlassen würde und man endlich die hinderlichen Interessen von WBD und UCI los sei.
Aus den Trümmern
Enduro musste für die Auferstehung nicht bis Ostersonntag warten, denn bereits am darauffolgenden Tag vermeldete Crankworx, dass sie bereits in Planung für eine globale Endurorennserie für 2027 sind. Bislang ist das Crankworx Enduro in Whistler als einziger Stopp gesetzt, weitere Details folgen. Austragungsorte können sich unter enduro@crankworx.com bewerben. Vermutlich wird die finanzielle Eintrittsbarriere für neue Locations wieder niedriger werden, was sich nur positiv auf die Qualität der Rennen und den Neuwert der Austragungsorte auswirkt.
Austragungsorte wie die Aletsch Arena haben bereits auf Instagram Interesse bekundet, auch 2027 wieder in der höchsten Liga dabei zu sein, vielleicht finden sich ja auch spannende neue Konzepte & Locations im Kalender wieder. Zwar schwierig zum Hinfahren für uns Österreicher, aber insgesamt eine super Sache ist, dass es wieder (zumindest ein) Rennen in Nordamerika geben wird. Ansonsten gilt erst mal: abwarten – oder sich mit seinen Trails um eine Austragung bewerben 😉
Bis dahin
… kann man das Geschehen innerhalb der wichtigsten Stimmen der Community über zahlreiche einflussreiche Instagram-Accounts verfolgen. Meine Top-Picks sind
- Next Stage (nextstagemtb): Niederschwellige Social Media-Berichterstattung von den Rennen, mit richtig gutem Gespür, wie man Enduro per einfacher iPhone Clips in Szene setzt. Simpel, topaktuell und sehr bereichernd.
- Enduro Chronicles (enduro_chronicles): Für Data Nerds. Auf Instagram gibts schöne Visualisierungen von Fakten, für die vollen Insights müsste man die Website bedienen. Dort kann man z.B. herausfinden, ob der Max Trafella 2018 oder der Michi Pfuisi 2026 näher an der Weltspitze dran waren. Oder was die knappsten Rennentscheidungen bisher waren (Spoiler: sehr knapp!)
- Greg Callaghan (greg_callaghan): Das sympathische Urgestein aus Irland hat seit Anbeginn 2013 verletzungsbedingt nur eine Handvoll Rennen auslassen müssen, ist einer der wichtigsten Repräsentanten der Fahrerinteressen und bringt auf seinen Kanälen oder in Podcasts usw. gerne seine Sicht auf die Dinge.
- Crankworx (crankworx): Die Organisation hinter den legendären MTB-Festivals hat sich mit ihrer Meldung zu einer neuen weltweiten Enduro-Serie in eine ordentliche Bringschuld gestellt hat. Wir sind gespannt!
Ansonsten bleibt, abwarten und drauf vertrauen, dass eine blühende Zukunft auf uns wartet.
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